pearl
2003
#19.Januar2003


Kurs auf die Falklands


Donnerstag 9. Januar 2003 Süd 35° 20 West 50° 25


Hier im Südatlantik hat das Wetter seine eigene Dynamik.

Täglich beobachten wir auf den Wetterkarten, die wir via Rio über SSB auf unseren Laptop laden, wie sich die Tiefs mit Kernwerten bis unter 955 über die Südspitze von Chile „Kap Horn“ in den Südatlantik schieben.

Während auf dem Festland gemässigte Werte verzeichnet werden können die sich nur langsam verschieben, wechselt im Atlantik ab 40° südlicher Breite die Wettersituation zum Teil sehr schnell.

In den letzten Tagen war es uns möglich einem grossen Tief in Richtung Argentinien auszuweichen.

Heute plagen wir uns mit wenig Wind „gegenan“ und Strom aus Südwest mit 1 – 1.5 Knoten, mit Hilfe des Motors in „Richtung“ Kap Hoorn.

Nach Auswertung unserer Wetterkarten müssten wir unmittelbar vor der argentinischen Küste auf Nord-oder Nordwestwind treffen.

Vorausgesetzt das schwache Hoch, das an dieser Stelle auszumachen ist verändert seine Position nicht, oder wenn, dann in die gewünschte Richtung.

Mit dem Erreichen der südlichen Breiten wird dieser Spielraum zum Wetter immer enger. Auf der Höhe der Falklands und weiter im Süden kann wirklich schwerem Wetter nur mit Ablaufen getrotzt werden.

Mit „Ablaufen“ wählt man einen raumen Kurs, auf dem das Schiff sich vom Zentrum des Tiefs entfernt, um ausserhalb auf eine gemässigtere Wettersituation zu treffen.

Zu wünschen wäre, dass ein solcher Kurs auch der Zielrichtung entspricht.......


Freitag 17. Januar Süd 48°07 West 58°32


Die letzten Tage hat der Strom zugenommen. Zurzeit haben wir meistens über 2 Knoten auf etwas über 300° „genau gegenan“. Zusammen mit der Dünung die der Wind mit bis 30 Knoten aufwirft, macht die BLUE PEARL kaum mehr Fahrt über 3.5 Knoten.

Dazu muss man zugestehen, dass diese Verhältnisse ausgesprochen günstig sind, ermöglichen sie uns doch, die Falklands zwar nicht wie gewünscht am Sonntag, aber doch sicher im Laufe des Montagmorgens zu erreichen.

Da die Wettervoraussicht weiterhin mit günstigen Werten aufwarten, bleiben wir von Themen, wie „vom Winde verweht“ vorerst verschont.


19.Januar2003

Falkland Islands


Stanley Port Control....Stanley Port Control…. hier ist BLUE PEARL….

Es war Sonntag der 19. Januar, wir hatten mit dem Volunteer Point die Aussenlinie von Port Stanley, dem Hauptort der Falklands erreicht, und meldeten uns wie gewünscht über VHF Kanal 16 bei der Port Control.

In der Folge bekamen wir freie Fahrt und wurden angewiesen, uns beim Eintreffen auf Kanal 12 bei Customs zu melden.

Wir hatten eine harte Nacht hinter uns. Aus unerfindlichen Gründen wurden von Rio über SSB am Vorabend keine Wetterkarten gesendet.

Von Rafael einem Amateurfunker in Las Palmas bekamen wir wie jeden Abend das Wetter für die nächsten drei Tage. Für die Nacht wurden 25 Knoten NNE angesagt.

In der Folge fiel und fiel das Baro wie wir das noch nie erlebt hatten.

Galt am Samstagabend einen Wert von 1007, waren es am Sonntag um 18.00 Uhr (UTC) 963 Hectopascal. Also innert 24 Stunden um 44 Punkte tiefer.

Den ganzen Sonntag über verzeichneten wir Wind zwischen 40 und 50 Knoten. So hoch am Wind wie unter diesen Umständen möglich, versuchten wir Höhe zu laufen, um das Ostkap der Falklands zu erreichen.

Dabei lag unser Leedeck oft so tief im Wasser, dass die Seitenfenster des Deckhauses auf die ganze Höhe von den Fluten eingedeckt wurden.

Endlich am Sonntagnachmittag erreichten wir das Zentrum des Tiefs, das zu dieser Zeit genau über den Falklands lag. Die Wolkendecke riss auf, und genau über uns wurde ein Stück blauer Himmel frei, dessen Ausmass sich nun schnell ausbreitete. Der Wind wechselte auf NNW, und befreite uns damit von der gefährlichen Legerwallsituation, zudem galt die Stärke von 30 bis 40 Knoten aus achtern nun fast als angenehmer und vertrauter Wert.

Damit wurde es uns möglich Port Stanley gefahrlos anzulaufen.

Allerdings erwartete uns nun im Port William eine Port Stanley vorgelagerte Bucht, wo noch vor kurzem die Brecher aus dem offenen Atlantik an dessen Küsten zerschnellten, Gegenwind von bis zu 40 Knoten.

Um 19 Uhr Ortzeit war auch dieses Hindernis überwunden.

Mit Hilfe des Zolldekleranten, der uns bereits am Steg erwartete, vertäuten wir die BLUE PEARL längsseits.

Nach kurzen Formalitäten, und dem Besuch von Uwe einem Einhandsegler, der seine Jacht bei den Schwimmpontons bei Fipass, (dem Frachthafen) vertäut hatte, fanden wir den verdienten Schlaf, der weit in die Morgenstunden dauerte.

Allerdings ganz ungestört verlief dieser Schlaf nicht, war doch am Montag Morgen um 7.15 Uhr ein Ausflugschiff angesagt, und der Steg musste zu dieser Zeit freigegeben werden.

Demzufolge legten wir um 7 Uhr vom Steg ab und ankerten in der Bucht.

Da das Tief, das am Vorabend mit zwei weiteren Punkten weit unter die Skala gefallen war, sich seither nicht mehr bewegt hatte, war es auffallend ruhig in der Bucht, also legten wir uns beruhigt wieder in die Koje, um den entgangenen Schlaf nachzuholen.



21.Januar2003

Your must go quickly…….


war Rafaels Rat, als wir uns am Montagabend bei ihm einloggten, um die Wettervorhersage abzuholen.

Für die nächsten Tage waren gute Bedingungen auszumachen, um nach Ushuaia zu gelangen. Da galt es nicht zu zögern, denn an der Ecke des Kap Hoorns herrscht Westwind vor, und gegen ihn anzugehen ist aussichtslos.

Wir hatten im Laufe des Nachmittags zum Fipass verholt, da unser Aussenborder am Zodiac seinen Dienst versagte.

Am Dienstagmorgen besuchten uns Anna und Jetel, ein Seglerehepaar, das schon ein halbes Jahr auf den Falklands weilte, und zwischenzeitlich dort Arbeit gefunden hatte..

Sie hatten ihre Jacht weit abseits in einem Arm der Bucht verankert, und waren mit dem Landrover unterwegs, den Jetel, von Beruf Mechaniker, aus einem Wrack neu ins Leben gerufen hatte.

Mit ihnen fuhren wir in die Stadt, wo es für uns einiges zu erledigen galt.

Als erstes besuchten wir das Gouverment Haus, wo wir mit Mr. Gordon Liddle verabredet waren.

Bei ihm ersuchten wir um die Erlaubnis, die Insel South Georgia zu besuchen,

die auf 37° West und 54° Süd im Südatlantik liegt, und unter englischer Vorherrschaft steht.

Hier vom Gouverment-Haus auf Falkland wird sie von Gorden Liddle verwaltet.

Der Empfang war sehr freundlich, und dem ganzen Prozedere haftete etwas feierliches an.

Laut Gorden Liddle ist die englische Regierung darum besorgt, dass die Insel mit sehr grosser Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren nicht vom Massentourismus wie ihn die Kreuzfahrtschiffe mit sich bringen überrannt wird.

So wird jeder Besuch registriert und untersteht der Bewilligung.

Die BLUE PEARL mit ihrer Crew von zwei Personen erhält einen Sonderstatus, da unser Besuch kaum einer Invasion gleichkommt.

Wir verabredeten, dass wir als erstes King Eduard Point anlaufen werden, und uns dort beim Hafenmeister melden, um Wissenswertes und weitere Instruktionen entgegenzunehmen. An dieser Stelle ist die ganze Administration vor Ort zu finden, so ist dort auch die Imigration mit einem Beamten vertreten. Alle Bewohner der Insel sind ausschliesslich mit deren Administration beschäftigt.

Ab 1905 bis 1965 gab es auf der Insel verschiedene Walfangstationen. 1926 wurde dort die Höchstzahl von 8000 Walen erlegt und verarbeitet.

Nach Erledigung aller Formalitäten überreichte uns Gorden Liddle ein Buch über South Georgia als Präsent, und wünschte uns gute Fahrt.


Nach Erledigung verschiedener Einkäufe, suchten wir eine Taverne auf, die einem Pub ähnlich war. Bald kamen wir mit zwei älteren Männer ins Gespräch, die uns als die Crew der BLUE PEARL erkannten.

Mike ist Kunstmaler, und schien hier auf der Insel mit den 2000 Bewohnern ein gutes Auskommen zu haben. Seine Bilder finden reissenden Absatz, so war denn bei einer Ausstellung von 24 Bildern 10 Minuten nach deren Eröffnung alles ausverkauft.

Sein Freund Don, bereits im fortgeschrittenen Alter, arbeitete früher auf der Wahlfangstation in King Eduard Point auf South Georgia.

Das Gespräch war äusserst interessant und ergiebig. So war denn Mike, der an anderen Tagen um 12 Uhr mit seiner Malerei beginnt, um 14 Uhr immer noch in der Taverne zu finden, wo wir zwei Fremde trafen, und uns von Freunden verabschiedeten.

Man müsste auf Falkland einen Sommer verbringen, um die Geheimnisse der Insel ans Licht zu bringen.

Wir aber waren auf der Durchreise, und bestrebt unseren Törnplan einzuhalten, und die derzeit ausgesprochen günstigen Verhältnisse, für den Trip in eine der windigsten Ecken der Welt zu nutzen.

So waren wir denn am selben Abend, nachdem wir uns ausklariert hatten, wieder unterwegs in südwestlicher Richtung, wo wir mit Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, unmittelbar beim Kap Hoorn erreichen wollen.

Der Wind aus SSE und später NNW war günstig, und mit 15 bis 20 Knoten bescherte er uns angenehmes Segeln.

Wir brachten in den ersten zwei Tagen trotz Gegenstrom über 250 Meilen hinter uns.

Am Abend des 23. Januar erreichten wir die Südostecke der argentinischen Insel

Los Estados. Im Laufe des Freitags beeinträchtigte der Strom die Fahrt zusehends stärker, und mit 3 Knoten gegenan halbierte sich der Speed der BLUE PEARL.

Rafael hatte uns auf den Freitagabend zwischen 20 Knoten NNW und 20 Knoten SSW und einem Barowert von 980 eine Kaltfront angesagt. Um vier Uhr verdunkelte sich der Horizont, und der Wind verlor an Stärke, und wir entledigten uns aller Reffs, um weiterhin Fahrt zu machen.

Noch vor fünf Uhr legte der Wind wieder zu, so dass wir die Segel schnell wieder auf Sturmwert eingerefft hatten.

Die Front fiel in unerwarteter Stärke über uns her, und bald schon bewegte sich die Windanzeige im Bereich von 50 Knoten. Da wir die Höhe brauchten, um die Einfahrt zum Beagle Kanal zu erreichen, konnten wir uns nicht leisten abzulaufen, und versuchten mit kleingerefftem Kutter, und stark gefiertem Gross, Kurs zu halten und möglichst viel Wind abzulassen.

Dennoch verloren wir in der Folge stark an Höhe, und sahen uns nach einer Stunde Ausharrens gezwungen, eine neue Strategie festzulegen, falls der Sturm in gleichbleibender Stärke anhalten sollte.

Wir entschlossen uns bei Erreichen der Höhe des Südostkaps von Tierra Del Fuego in die Strasse del Marie abzulaufen, um in der Bucht „Buen Suceso“ Schutz zu suchen.

In der Folge aber verlor die Sturmfront an Kraft, und eine Stunde später befanden wir uns in dem nach heftigen Fronten typischen Vakuum, das bar jeder Energie die BLUE PEARL auf den noch immer steilen, kurzen Wellen tanzen liess. Das Kap hatte uns gebührend empfangen......

In den nächsten Stunden segelten wir mit zunehmendem Wind entlang der Küste von Tierra del Fuego. Um 23.00 Uhr UTC wechselte der Wind auf NW, und wir versuchten mit Motor und Grossegel 30° am Wind den Beagle Chanel zu erreichen. Der Wind mit Werten bis 40 Knoten brachte unser Vorhaben zunehmend zum Erliegen, und auf 66° West fuhren wir uns für die nächsten vier Stunden fest. Im Morgengrauen gelang es uns unter schwersten Bedingungen wieder wenige Zehntelmeilen nach Westen gutzumachen.

Am Samstag um 12.30 Uhr UTC enterten wir den Beagle Chanel.

Zwei Stunden später rief uns die chilenische Küstenwache, und forderte uns auf, unsere Kennung bekanntzugeben, und fragte nach dem Ausgangshafen, Kurs und Ziel.

Da die Verhältnisse zu dieser Zeit noch sehr ungünstig, und unsere Situation unberechenbar war, konnten wir ihnen die Ankunft in Puerto William dem südlichsten Ort der Erde, den wir inzwischen als nächsten Anlaufort gewählt hatten nicht bekannt geben. Wir erwogen, die nächstmögliche Ankerbucht anzulaufen, um bessere Bedingungen abzuwarten.

Die sich am Kap befindende Crew der Deutschen Jacht ADIO meldete sich nach dem Gespräch, und empfahl uns die Bucht zwischen der Insel Picton und der kleinen Insel Gardiner auf 55°01 Süd und 66°53 West.

Um 18 Uhr UTC nahm der Wind ab, und ermöglichte uns vom Einfall her, die BLUE PEARL zu segeln.

Der Anker viel um 19.30 an vorgesehener Stelle, in der geschützten und derzeit windfreien Bucht, in einer Idylle, die nach den letzen 24 Stunden unglaublich und absolut unerwartet auf uns einwirkte.

Nach schlaflosen 30 Stunden hart gegenan, überfiel uns nun die Müdigkeit.

Dennoch brachten wir unser Beiboot zu Wasser, denn in der Bucht hatte ausser uns die Ketsch FARWELL Schutz gefunden.

An Land trafen wir auf den Eigner John aus Alaska, der dabei war, Landleinen auszubringen.

Von ihm erfuhren wir, dass es viele gute Ankerbuchten in der Region um Kap Hoorn gibt, die auch bei Sturm guten Schutz bieten.

John machte sich mit seiner Freundin Anne am nächsten Morgen auf den Weg nach Kapstadt, wo wir ihn möglicherweise Anfang April wieder treffen werden.

Indessen schliefen wir bis gegen Mittag in der traumhaft ruhigen Ankerbucht.

Wir hatten schon am Vorabend die urige Vegetation bewundert, deren Alter unvergleichbar höher als in mittleren Breiten sein muss.

Mit Flechten behangene Skelette längst abgestorbener Bäume ragen zum Himmel.

In deren Nachbarschaft grünt der Nachwuchs in Vielfalt und satten Farben, wie wir es nie erwartet hätten.

Verglichen mit all den Eindrücken der letzten zwei Jahre, befinden wir uns nun an einem der schönsten Flecken unserer Erde.


26.Januar 2003

PUERTO WILLIAMS


Um 11.30 UTS = Ortzeit 14.30 Uhr ankerten wir auf, und machten uns auf den Weg nach Puerto Williams.

Links und rechts des Beagle Chanels säumten bewaldete Berge mit bis 800 Meter Höhe die Küste. In deren Hintergrund waren Höhere unbewaldete Gebirge mit Schneefirnen und Gletschern auszumachen.

Der kaum bewölkte Himmel liess zu, dass sich im Deckshaus der BLUE PEARL über deren Scheiben wohlige Wärme ausbreitete.

Erst nach etwas über einer Stunde kam WNW-Wind auf. Mit 15 Knoten boten sich gute Segelbedingungen für die letzten zehn Meilen.

Inzwischen war im Paso Picton eine Segeljacht auszumachen, die auf den Beagle Chanel zuhielt.

Eine halbe Stunde später traf die Jacht, deren Indendität wir inzwischen als die der „ADIO“ ausmachen konnten auf uns.

Nach der Begrüssung setzten wir beide den Weg mit Kurs Puerto Williams fort.

Als dann der Wind in der engen Passage vor Puerto Williams ausfiel, bot sich Gelegenheit die Crew der ADIO kennenzulernen. An Bord befanden sich Marlene und Reinhard Klee, und deren Tochter Eva.

Die Klees hatten bei einem Fischer Gebranntes gegen eine Krabbe (Centolla) getauscht, die uns nun über die Reeling präsentiert wurde.

Spontan wurden wir von ihnen zum Essen auf die ADIO eingeladen, so dass wir die Krabbe am Abend, als Delikatesse fein zubereitet auf unseren Tellern fanden.

In Puerto Williams waren schon einige Jachten vor uns eingetroffen.

Der Grund, in den letzten Jahren ist Kojencharter in die Antarktis populär geworden, und an diesem Wochenende waren diese Jachten von deren erstem Trip dieser Saison zurückgekehrt, und zum Absprung für die zweite Tour bereit.

Also reihten wir uns vor dem Club der aus dem Deck und Aufbauten eines versenkten Schiffes bestand in ein Paket, mit zuletzt 5 Jachten.

Bald war reger Betrieb auf der BLUE PEARL, die hier in Chile einklariert werden musste. Sechs Beamte sassen um den Tisch, damit beschäftigt, die Papiere für die BLUE PEARL, und deren Crew auszustellen.

Am Abend sassen wir im gemütlichen Salon der ADIO, deren Deck und Innenausbau von Reinhard selbst in höchster Qualität gebaut wurde.



31. Januar 2003

PUERTO WILLIAMS - ANTARCTIC


Wir hatten unsere Ankunft eine Stunde vorher angemeldet, und so erwartete uns die Garde der Beamten bereits am Steg, als wir in Puerto Williams eintrafen.

Einer nach dem andern enterte über das Deck einer neben uns liegenden Jacht die BLUE PEARL, und reichten uns wie alten Bekannten die Hand.

Kurz darauf sassen sie alle um den Tisch im Deckhaus, und füllten schweigend ihre Bogen aus, als ob es sich um eine Prüfung handelte.

Ihnen waren alle unsere Daten bekannt, und nach wenigen Minuten verliessen sie unser Schiff, und stiegen aufgereiht wie an einer Kette über das Nachbarboot zurück an Land.

Hier im Hafen ist nach dem letzten Wochenende mit vielen Chartergästen wieder Ruhe eingekehrt, und am Club waren keine zehn Jachten mehr vertäut.

Für den Besuch der Bank war es bereits zu spät, und weil das Wochenende vor uns lag, musste das Diesel-und Gasbunkern auf den Montag verschoben werden.

Am Sonntag besuchten wir das örtliche Museum. Kaum zu glauben, dass die Eingeborenen Kapbewohner (Selk’nam), die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gejagt, abgeschlachtet und ausgerottet wurden, sich zum Teil nackt, oder nur lose mit Fellen bekleidet in diesen hohen Breiten aufhielten.

Sie lebten als Nomaden in ihren Booten, von geernteten Muscheln und Krabben. Der Rauch der von deren Feuerstellen aufstieg, die auf einer Sandschicht in den Booten angelegt waren, erwog die späteren Besiedler, die den aufsteigenden Rauch beobachteten, die Region ‚Feuerland’ zu nennen.

Nebst ausgestopften Robben, Seeleoparden, Biber, war der Kondor und der Wanderalbatross zu sehen, dessen Flügelspannweite bis drei Meter erreichen kann.

Den späten Sonntagabend verbrachten wir in der Clubbar bei „Pisco Sour“ dem chilenischen Nationalgetränk, zusammen mit unseren Schiffsnachbarn.

Nachdem am Montag kein Gas gebunkert werden konnte, waren wir am Dienstag gegen Mittag dann wirklich bereit zum Ablegen.

In den wenigen Tagen in Puerto Williams hatte sich aus den Seglern, die rund um den Club vertäut lagen, eine Gemeinschaft gebildet. So winkten wir denn unseren neuen Freunden zum Abschied, und nahmen Kurs auf das Kap.

Im Beaglekanal hatten wir in den ersten Stunden unerwartet starken Strom gegenan. So ging denn die Fahrt nur schleppend vorwärts, und als wir endlich den Paso Picton erreichten, und die BLUE PEARL an Fahrt gewann, war es bereits mitten am Nachmittag.

Vom Beaglekanal bis zum Kap ist die chilenische Armada sehr stark präsent.

Mehrmals wurden wir auf VHF Kanal 16 angerufen, und nach unserer Kennung gefragt.


In unserer Zarpe „Durchfahrtsbewilligung“ ist die Route die wir zu befahren haben genau angegeben.

Eine Übernachtung in einer Bucht war da nicht vorgesehen.

Dennoch nahmen wir beim Eindunkeln Kurs auf die Bahia Scourfield, die wir mitten in der Nacht bei völliger Dunkelheit erreichten.

Entgegen aller Empfehlungen, verzichteten wir auf Landleinen, und liessen die BLUE PEARL am Anker schwojen.

Wir hatten Glück, dass wir von den gefürchteten Fallwinden „Rachas“ in dieser Nacht unbehelligt, friedlich bis zum Morgengrauen schlafen konnten.

Kaum auf den Beinen, hoben wir den Anker und nahmen Kurs quer durch die hinter dem Kap liegenden Inseln, zum Kap Hoorn.

Vor uns wurde das Kap schon von der Hanseatic, einem „kleinen“ Kreuzfahrtenschiff, das wir früher schon in Kapstadt und Grönland angetroffen hatten, erreicht.

Sie hatten ihre Gäste mit Landungsbooten und Zodiacs abgesetzt.

Eine Invasion von rotbekleideten Menschen waren auf der nahen Anhöhe, sowie beim Leuchtturm auszumachen, so dass wir auf einen Landgang, der bei den Verhältnissen auch für uns möglich gewesen wäre, verzichteten.


Zusehends entfernten wir uns vom Kap Hoorn mit Kurs Antarktis.

Räumliche Winde verhalfen der BLUE PEARL zu einer flotten Fahrt, und liessen die bekannte Silouette vom Kap Hoorn bald mit dem diesigen Grau der weiter zurückliegenden Landmassen verschmelzen.

Am späten Abend hatten wir uns auch wieder bei Rafael mit seiner Wettervorhersage eingeloggt. Für den folgenden Tag wurden uns moderate Winde angesagt. Allerdings liegt vor uns die Drake Passage, die mit Überraschungen nicht zurückhält.

In drei Tagen werden wir Deception Island erreichen, eine Vulkaninsel, deren Kratersee durch eine Öffnung befahren werden kann, und von uns als Anlaufstelle in der Antarktis gewählt wurde.


Samstag 7. Februar.


Ab heute Nacht wird auch die Drake Passage der Vergangenheit angehören.

Zurzeit segeln wir Kurs S - SE in Richtung Antarktis, deren erste Landemassen nun noch etwa vierzig Seemeilen in garstigem Nebel und Nieselregen vor uns liegen.

Am Mittwochnachmittag hatten wir die Passage, nach dem Queren von Kap Hoorn

mit dem Barostand von 988 Hektopascal unter den Kiel genommen. Heute verzeichnen wir 964 Hektopascal und dennoch ist der grosse Sturm ausgeblieben. Wir hatten die günstigste Zeit gewählt, um in die Antarktis überzusetzen. Was nun im Lee in der Passage vor sich geht, daran wollen wir nicht denken. In wenigen Stunden werden wir uns im Schutz der Gebirgsmassive South Shetlands befinden, und die Gewässer vor Kap Hoorn in guter Erinnerung mit auf die weitere Tour nehmen.




08. Februar 2003

Antarktis Pennisula – South Shetlands


Die Inselkette gegenüber Südamerika ist eine der wenigen nicht vollständig mit Eis bedeckte Landmasse in der Antarktis, deren Gesamtfläche zu 98% eisbedeckt ist.

Im Innern des Kontinentes erreichen die Eismassen bis 5000 Meter über den Meeresspiegel..

Die ersten Eindrücke, nachdem sich die Inselmassen aus dem Nebel schälten waren gewaltig. Von den Eisfeldern ging eine Helligkeit aus, wie wir sie bei ähnlich schlechtem Wetter noch nie gesehen hatten.

Anscheinend haben alle diese Gebirgszüge ihr eigenes Wetter. In diesem Falle eine viel leichtere Bewölkung, als die wasserbedeckten Flächen, durch die das Sonnenlicht die Schnee- und darüber liegenden Dunstmassen in einem grellen Weiss zum glühen brachte.


#qs_902 #qs_1000 #qs_1001

27. Januar 2003

USHUAIA


Am Montag morgen erledigten wir die Ausklarierungsformalitäten, und weil nur ein kurzer Trip von 25 Meilen bevorstand, hatten wir Zeit, einige Kilometer in das Tal hinein zu wandern.

Vor vielen Jahren waren hier Biber ausgesiedelt worden, die das Gewässer zu verschiedenen Teichen gestaut hatten. Das hatte zur Folge, dass die Bäume im Talgrund abgestorben sind, und als weissgrau gebleichte Stümpfe aus dem seichten Wasser ragen. Eifrig sind die Biber, die inzwischen mancherorts in der Kapregion zur Plage geworden sind, damit beschäftigt, das Jungholz an beiden Hängen des Tales kurz zu halten.

Dennoch, gerade weil das Wirken der Biber das Tal derart verändert hat, unterliegt es einer besonderen Faszination.

Am Nachmittag lösten wir uns aus dem Fünferpack und legten ab von der ADIO mit Ziel Ushuaia, wo wir um sieben Uhr abends Ortzeit an einer französischen Jacht längsseits gingen. Am selben Abend reichte die Zeit auch noch für einen kurzen Stadtbummel in den Ort, der etwas Schrill wirkte, und nebst der 50000 Einwohner dieser Region, scheinbar von einer Unmenge Touristen dominiert wurde.

Am Dienstag traf dann auch die ADIO in Ushuaia ein, und wir verbrachten den Abend zusammen bei Rösti und Geschnetzeltem auf der BLUE PEARL.

Als erstes Schiff in unserem Dreierpaket lag die MARIDA ,deren Eigner von Holland mit Ziel Neuseeland wo ihre Tochter lebt, unterwegs sind.

Wir segelten entlang der argentinischen Küste etwa 300 SM in deren Lee, bevor wir auf die Falklands zuhielten.

Da sie sich auch Rafaels Wettervorhersage bedienten, waren wir stets über unsere gegenseitigen Positionen informiert.

In Ushuaia waren Lebensmittel, sowie alle inländischen Produkte extrem günstig zu kaufen, da die argentinische Währung derzeit sehr schwach ist. Vor einem Jahr war sie auf einen Drittel des vorherigen Kurses gefallen, und hatte sich seither kaum erholt.

Nautische Produkte konnten in Ushuaia nicht geordert werden, die Gasstation hatte Probleme und konnte diese Woche keine Flaschen abfüllen, und der Diesel sei verschmutzt und nicht zu empfehlen.

So waren wir am Freitagnachmittag, nachdem wir unsere Vorräte ergänzt hatten wieder unterwegs nach Puerto Williams.


09. Februar 2003

Deception Island


Sonntag 9. Feb. Seit heute Morgen liegen wir im Vulkankrater von Deception Island. Der Hauptkrater hat eine Länge von 4 Meilen, und einen Durchmesser von ca. 3 Meilen. Wir liegen in einem kleinen Nebenkrater mit wenigen hundert Meter Durchmesser.

Gestern Abend kamen wir um 11 Uhr Ortszeit in den Bereich der Insel.

Derzeit waren bis 30 Knoten Wind aus ESE, genau gegenan. Zudem lag die Einfahrt zum Kratersee im Luv. Also versuchten wir im Lee der Insel zu ankern. Entgegen unseren Erwartungen, wurden Wind und Schwell auch in der unmittelbaren Abdeckung der Insel nicht schwächer, zudem kannten wir die Beschaffenheit des Ankergrundes nicht, und hatten laut Prognosen einen Windwechsel auf SW zu erwarten.

Also drehten wir bei, und drifteten zusammen mit viel Treibeis zwischen gestrandeten Eisbergen in Richtung WNW zurück in tieferes Wasser. Nach einiger Zeit überkam uns die Müdigkeit. Die heisse Suppe, die wir uns nach dem harten Tageswerk aufbrühten schien uns noch schläfriger zu machen, so dass wir beide in den darauffolgenden Stunden des Wartens im Salon eindösten.

Fünf Stunden nach Beginn des Driftes 05.00 Uhr Ortzeit, und ein bis zwei Stunden unbeabsichtigtem Schlaf, erwachte ich, und stellte fest, dass wir eine Driftdistanz von 5 Meilen zurückgelegt, und nur noch wenig Wind und kaum mehr Schwell hatten. Schon 3 Stunden später erreichten wir unter Motor die Einfahrt in den Krater.

Bei der Anfahrt zur Passage in den Kratersee von Deception Island, verwehrte uns der Nebel jede Sicht auf die Umgebung.

Ab und zu querten wir Eisberge, oder riesige Felsen, die wir bereits auf dem Radar geortet hatten.

Mit der Einfahrt in den Vulkankrater begannen sich die Wolken über uns zu lichten, der Nieselregen hörte auf, und die ersten Sonnenstrahlen brachen durch die Nebeldecke.

Der Kratersee ist umgeben mit einem bis 550 Meter hohen Bergmassiv, dessen Oberfläche aus losem Vulkangestein, Kies und Sand entsprechend ausgeschwemmte Strukturen aufwiest, und dessen höheren Rücken schnee- und eisbedeckt sind.

Wir querten den Kratersee in seiner Länge, mit Ziel auf einen Nebenkrater, der uns als Ankerplatz empfohlen wurde.

Wir waren nicht überrascht, dass die Stelle von einer grossen Charterjacht besetzt war, deren Landleinen die ganze Bucht überspannten.

Wurden wir doch vor zwei Wochen in Puerto Williams Zeuge davon, wie sehr der

Charterbetrieb in die Antarktis an Bedeutung zugenommen hat.

Einige Profis, zum Teil ehemalige Regattasegler, fanden mit diesen Unternehmen die Basis, ein relativ freies Leben zu führen. Dazu finden sich anscheinend genügend Gäste, die bereit sind, pro Tag über zweihundert Dollar zu bezahlen.

In einer Ecke fanden wir Platz, und es gelang uns die BLUE PEARL anständig zu vertäuen, was besonders schwierig ist, wenn während des Ausbringens von bis 200 Meter Landleinen der Wind wechselt und auffrischt, der Aussenborder Wasser, anstelle Most zu saufen kriegt und und und...

Nachdem alles fest und gesichert war gönnten wir uns einen ausgiebigen Mittagsschlaf.

Am frühen Nachmittag begrüsste uns ein stahlendblauer Himmel, und weckte in uns das Bedürfnis aktiv zu werden.

Es stand die Reparatur des Aussenborders an, dessen Vergaser, wie vermutet zum Teil mit Wasser gefüllt war.

Anscheinend wurde dem Benzin, den wir in Sao Francisco gebunkert hatten, nicht nur der subventionierte Alkohol beigefügt..........

Nachdem ich den Vergaser zum wiederholten Male ausgebaut, zerlegt und gereinigt hatte, wechselte ich das Benzin im separaten Tank, und gab mir dabei Mühe, dieses Vorhaben besonders vorsichtig anzugehen.

Am Montagmorgen überzeugte ich mich mit einem Blick zur Decksluke, dass uns wieder beste Wetterverhältnisse erwarteten.

Wir hatten uns vorgenommen, die Umgebung ausgiebig zu erkunden.

Nachdem wir an Land übergesetzt hatten, erwarteten uns dort die auf der Landzunge dösenden Seelöwen, die interessiert ihren Oberkörper anhoben, und uns anstarrten.

Zwei von ihnen hatten sich eine besondere Nummer ausgedacht. Nach ihrer Vorführung, die grosse Ähnlichkeit mit Pantomimen hatte, stellten sie sich für einige Augenblicke schlafend, um sich dann wiederholt aufzurichten, was kurzfristig in eine Balgerei ausartete. Genau wie zuvor, fielen sie kurz darauf wieder in sich zusammen, und schliefen, als ob sie schon immer so dagelegen hätten.

Ein stattlicher Pinguin, der das Geschehen beobachtet hatte, wandte sich ab und watschelte davon.

Sein Gang hatte etwas behäbiges – menschenähnliches. Er wirkte nicht unglücklich, eher ernst, so als ob er die Last seiner ganzen Sippe zu schleppen hätte.

Beim Anstieg in einer Wasserrinne holten wir ihn ein, anscheinend war hier sein Ruheplatz, denn überall lagen Flaum und Federn, wie sie sich auch aus seiner Rückenpartie lösten.

Wie ein Profi liess er die Fotosession über sich ergehen, die für uns an diesem Montag recht ergiebig zu werden schien.

Die Natur hatte da wirklich ein Wunder in Form von riesigen Gestein und Kieshänge, Schnee, Eis und Wasser geschaffen. Wohin wir von einer Anhöhe unsere Blicke schweifen lassen, waren diese Komponenten in einmaliger Konstellation zu sehen, als ob man hier zum Beobachter des Schaffungsaktes unserer Erde würde.

Auf dem See im Kratergrund war die BLUE PEARL in der Sonne glänzend zu sehen.

Ein wenig stolz das Schiff gegen alle Widerstände hierher „ans Ende der Welt“ gesegelt zu haben, genossen wir den Augenblick.

Am nächsten Morgen erwarteten uns Nebel und tiefhängende Wolken. Dennoch beschlossen wir aufzubrechen, und die 80 Seemeilen zum nächsten Ankerplatz unter den Kiel zu nehmen.

Zuvor aber waren die dreihundert Meter Leinen einzuholen, ohne deren Anbringen die Sicherheit an den Ankerplätzen nicht gewährleistet ist.

Eine Stunde später war alles eingeholt, gerollt und gestaut, und wir bereit, Fahrt aufzunehmen.

Beim Verlassen des kleinen Kraters hob ein Seelöwe auf einer Landzunge seinen Oberkörper, dessen Silhouette sich nun dunkel vom nebelgrauen Hintergrund abhob.

Vor ihm standen drei Pinguine Spalier, von ihnen konnte hauptsächlich die weisse Brust ausgemacht werden.

Bei der Passage der grossen Krateröffnung erwarteten uns hohe Steinsäulen, die sich unserem Auge im Zwielicht eines dahinterliegenden Gletschers als unerwartet grandiose Konstellation offenbarten.

Mit raumem Wind und Kurs SW suchten wir uns den Weg in dichtem Nebel und Nieselregen zwischen Eisbergen, Treibeis und Growlern.

Da die Sicht teilweise kaum über hundert Meter reichte, ist eine Fahrt bei solchen Verhältnissen ohne Radar kaum vorstellbar.


11. Februar 2004

Kap Sterneck S 64° 02` 89 W 64° 59` 85


Um 22 Uhr Ortzeit näherten wir uns dem ausgewählten Ankerplatz, der in keiner Seekarte verzeichnet ist, und dessen Position als Insiderwissen weitergegeben wird.

Zwischen riesigen Felsmassen Treibeis und Eisbergen suchten wir uns die Einfahrt in das Labyrinth. Im Zwielicht der Dämmerung war kaum vorstellbar, diese Masse von Viadukten durchdringen zu können, und ich drehte bereits ab, als mir bewusst wurde, dass sich uns für diese Nacht keine Alternative bot. Wir mussten da durch, und weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass sich alles viel besser ansieht, wenn man mitten drin ist, schoben wir mit dem Kiel der BLUE PEARL das Eis beiseite, und öffneten uns einen Durchgang in eine für uns Fremde und auf Anhieb unwirtliche Szenerie von Felsen, Gletscherabrisse Schneehänge, und Steine, die knapp über und unter Wasser auf uns lauerten.

Langsam drang diese Umgebung in mich ein, und ich erlebte das unbeschreibliche Gefühl, das sich einstellt, wenn ein Widerstand durchbrochen ist, und die Realität sich zu ordnen beginnt.

Noch war die BLUE PEARL nicht sicher vertäut.

Wir tasteten uns an die Position, zwischen einem langen Felsrücken und zwei Steinen. An die Leinen ausgebracht und befestigt werden konnten.

Nachdem das Beiboot gewassert, und der Motor montiert war, setzte ich mich damit zum Felsen über, um dort mit der ersten Leine vom Heck der BLUE PEARL festzumachen.

Starker Schwell warf den Bug des Bootes auf den Felsen, und während ich den Fels in dessen Spalten mit einer Kette belegte, liess ich den Motor mit eingelegtem Gang laufen, damit die hohe Dünnung das Boot nicht von dem Felsen reissen konnte.

Mit dem Ausbringen des Ankers konnte die BLUE PEARL zurückgesetzt, und die Leine auf ihre halbe Länge eingeholt werden.

Zwei weitere Landungen mit dem Zodiac, die nicht weniger spektakulär verliefen waren nötig, um das Schiff zu sichern. Bei der letzten Landung warf die Dünung das Boot so hoch auf den Felsen, dass der Motor auf dem Trockenen lief. Beim Versuch das Boot zurück in das Wasser zu schieben kam bereits sie nächste Flut, und füllte mir einen Stiefel mit eiskaltem Wasser.

Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen. Anita und ich waren froh, dass wir uns in unser nun sicher vertäutes warmes Heim zurückziehen konnten.

Hier im Innern der BLUE PEARL fühlten wir uns zuhause und geborgen,

während draussen die Nacht mit tiefhängendem, nasskaltem Nebel um den Gefrierpunkt, heftigen Windböen und Niederschlag als Regen und Schneeschauer, die Antarktis zur unwirtlichsten Gegend der Welt machte.


Am nächsten Tag war dichter Nebel und Schneetreiben, und wir beschlossen einen Tag in der Bucht zu bleiben. Am späten Morgen besuchten wir die Pinguin- Kolonie, deren Nachwuchs bereits die Grösse ihrer Eltern erreicht hatte. In ihrem hellgrauen und weissen Daunenflaum sahen sie aus wie aus dem Regal eines Spielwarenladens. Sich kaum bewegend hockten sie da, und warteten auf die nächste Fütterung, die aus dem Schnabel der Eltern direkt an den Nachwuchs übergeben wird.

Die ganze Felspartie war gefärbt vom Kot. Die Pinguine kennen diesbezüglich keine Hygiene.

Der Weg zum Wasser führte aus unerfindlichen Gründen über ein steiles Schneefeld auf die andere Seite der Insel.

Den ganzen Morgen über hatten wir beobachtet wie die Schwarzbefrackten mit vom Kot rotem Bauch, den Anstieg in Angriff nahmen, und andererseits Sippenangehörige sauber auf der Krete auftauchten.

Die Route führte vorwiegend in einer von drei ausgetretenen Schneisen über den Hang. Die Bergwärtssteigenden haben grundsätzlich Vortritt, beim Kreuzen verlassen die Ankömmlinge die Schneise.

Beim Beobachten der Szenerie erinnern diese Schneisen an Pinguinrutschen aus Comics. Zwar wissen sich die Tiere mit ihren Krallen an den langen kräftigen Zehen auch im Steilhang recht gut zu bewegen, aber manchmal kommen Unsicherheiten auf, die mit dem Fall auf den Hintern immer glimpflich ausgehen, da der befederte Schwanz wie ein Besen unmittelbar über dem Boden mit jedem Schritt hin und her bewegt wird. Besonders ulkig wirken sie, wenn sie in Eile sind, die Vorwärtsbewegungen schneller werden, und sie mit ihren ausgestreckten Flügelstumpen balancierend oder kreisend nach dem Gleichgewicht suchen.

Während sie sich auf den Felsen kauernd kaum voneinander unterscheiden, geben sie mit dem Besteigen des Hanges, auch einen Teil ihres Charakters preis.

Grundsätzlich sind Pinguine gesellig, und halten sich im Wasser und Zulande vorwiegend in Gruppen auf.

So warten Einzelne vor dem Aufstieg, bis sich eine Gruppe gebildet hat.

Dasselbe können wir auch bei einer anderen Kolonie auf einem Felsen gegenüber in der Bucht beobachten, deren Einstieg direkt ins Wasser führt.

Im Aufstieg jedoch unterscheidet sich der sportliche Typ vom Phlegmatiker, und die Jungen von den Alten.

So rennen denn die einen flügelkreisend den Hang hoch, während es andere gemächlich angehen, und oft Rast einlegen, sich umdrehen, und die Aussicht geniessen.

Einzelne nehmen den Hang auch solo in Angriff, bei ihnen kommt es vor, dass sie die Pfade verschmähend, die direkte Route zur Krete wählen, und den Hang hochrennen, als ob es etwas zu beweisen gäbe. Handelt es sich hier um Sportler? Separatisten? Oder sogar Angeber?

Irgendwo in all diesen Verhalten findet man auch sich selbst, und es fällt einem leicht seinen eigenen Charakter zu analysieren und sich Schwächen zuzugestehen, wenn es einem auf derart satirisch - sympathisch und drollige Weise vorgeführt wird.

Im Laufe des Tages erwies sich unser Liegeplatz als recht unruhig. Eine Unterwasser-Felsbarriere verhinderte den Trift von Eisbergen durch die Bucht, die auf zwei Seiten offen ist, förderte aber stattdessen den Schwell der in diesem Teil der Bucht mit bis 1.5 Meter an den nahen Felsen auszumachen war. Das liess auch unseren Landgang zu einem gewagten Unternehmen werden. So bestieg Anita das Beiboot als die Dünung anbrandete, das Abfliessen des Wassers erfolgte derart schnell, dass das Boot Sekunden später steil in den Felsen hing, und Anita regelrecht in das Boot abstürzte, was zum Glück ohne Folgen blieb.

Am Donnerstagmorgen entschlossen wir uns trotz starkem Schneefall, die Leinen einzuholen, um uns auf den Weg zur etwa 45 sm entfernten Insel Enterprise aufzumachen, die ihren Namen aufgrund eines Wracks hat. Die ENTERPRISE gebaut in Stahl, und möglicherweise mit Dampf betrieben, musste in den Anfängen des letzten Jahrhunderts vom Stapel gelaufen sein. Seit sie als Wrack in der Bucht liegt, wird sie von Jachten als sicherer Anleger genutzt.


14. Februar 2003

PORT LOCKROY


Aufgrund der Wettervorhersage musste ab dem Nachmittag mit Wind aus SW gerechnet werden. Dennoch machten wir uns auf den Weg, und machten den ganzen Morgen über mit leichten drehenden Winden gute Fahrt.

Kurz vor Lion Island kreuzten wir einen traditionellen Dreimaster, dessen Rahen ohne gesetzte Segel in den grauen Morgendunst ragten.

Unter Holländischer Flagge zeigte er sich uns noch mehrmals zwischen Eisbergen, bevor er ganz im Grau von Schneefall und Nebel verschwand. Erst im Neumayer Chanel, kurz vor Port Lockroy drehte der Wind, nahm bis auf 20 Knoten zu und wehte uns entgegen.

Als wir uns in der Anfahrt befanden, meldete sich ein Eisbrecher über VHF, der im Begriff war, Port Lockroy zu verlassen, und der uns wenig später kreuzte.

Wir hatten eine Detailkarte von der Bucht, und dennoch war unsere erste Grundberührung in der Antarktis nicht zu vermeiden.

Trotz langsamer Fahrt konnte ich nicht schnell genug reagieren, als der Tiefenmesser innerhalb weniger Sekunden von drei auf einen Meter Tiefe wechselte. Mit einem heftigen Ruck und entsprechendem Geräusch blieb die BLUE PEARL stehen. Wir hatten mit dem Kiel einen Stein gerammt, der auf der Karte nicht verzeichnet ist. Anita die sich auf dem Vordeck aufhielt, konnte einen Sturz nicht verhindern, und ist folglich an ihrem Po für Wochen mit einer bunten Prellung gezeichnet.

Wir mieden in der Folge diese Stelle, und da wir weiterhin SW Wind erwarteten, ankerten wir auf der NO Seite der kleinen Insel mit der einzigen Poststelle in der Antarktis.

Nach dem Setzen des Ankers verholten wir das Schiff mit Landleinen mit dem Heck zum Ufer.

Wie wir schon bei der Anfahrt festgestellt hatten, war die ganze Insel voller Pinguine. Zum grössten Teil Nachwuchs, da deren Eltern unterwegs, damit beschäftigt waren Krill als Nahrung für ihre Jungen, die nun bald erwachsen sind zu sammeln.

Durch dichtgedrängte Pinguingruppen suchten wir uns den Weg zur Poststelle, wo wir von Pieter und seiner Frau trotz später Stunde freundlich begrüsst wurden.

Für die beiden ist es die erste Saison in der sie die Englische Poststelle betreiben, die zugleich Museum einer Station ist, die von 1928 bis 1944 betrieben wurde.

Unglaublich, sie erwarten diesen Sommer über „viertausend“ Besucher..............

Am späten Abend bekamen wir über SSB die Information, dass 20 Knoten Wind aus NE zu erwarten sind.

Wir lagen im Schutze einer grossen Bucht, jedoch im Luv einer kleinen Insel.

Da unser Anker beim ersten Versuch nicht gegriffen hatte, und dreissig Meter Kette mit Bügelanker sich einholen liessen, als würden sie durch Butter gezogen, setzten wir einen zweiten Anker.

Noch vor Mitternacht bedauerten wir, das Schiff nicht noch bei Tageslicht in das Lee der Insel verholt zu haben.

Die Eisdrift, die den ganzen Abend über in die Bucht getrieben war, driftete nun wieder auswärts, und verfing sich in den schwimmenden Landleinen der BLUE PEARL.

Aus den 20 Knoten wurden deren mehr als dreissig, so dass wir die Nacht in voller Bekleidung im Salon verbrachten, bereit im Notfall sofort Hand anzulegen, und aufzuankern.

Gegen Morgen mässigte sich der Wind und wir konnten uns erlauben einzudösen.

Bei Tageslicht holten wir die Leinen und Anker ein, und verholten ins Lee der Insel.

An diesem Tag wurden wir Zeuge, wie die WORLD DISCOVERER vor der grossen Bucht treibend mit Zodiacs 250 Gäste auf Port Lockry absetzte, die sich in ihren roten Jacken unter die Pinguine mischten, und in der Poststelle „wie wir am Vorabend“ die Möglichkeit wahrnahmen Karten aus der Antarktis an ihre Lieben zu schicken.


22. Februar 2003

Keri & Greg von der NORTHANGER


Seit wir am Dienstag dem 18. Februar in Deception Island eingetroffen sind hat sich viel ereignet.

Wir hatten uns die letzten Tage nicht mehr im Patagoniennet gemeldet, da bei Fahrt unter Motor unser SSB Empfang ungenügend war.

Nun hofften wir dort Hilfe zu finden.

Die gut positionierte Jacht ADIO nahm unseren Funkspruch auf und machte ein Relay, da die Sende- und Empfangsbedingungen an diesem Tag sehr schlecht waren.

Auf die Erklärung unserer Situation wurde uns mitgeteilt, dass sich die NORTHANGER auf dem Weg in die Antarktis befindet, zudem wurde uns eine Wettervorhersage durchgegeben, falls wir die Drake Passage mit defektem Rigg wagen sollten.

Noch in der selben Runde meldete sich Greg von der NORTHANGER und bestätigte uns, dass sie unsere Position in zwei Tagen erreichen würden, und wir hier auf sie warten sollten.

Wir hatten die NORTHANGER 2 Wochen zuvor in Chile gekreuzt, und waren nach ihrem Aufruf über VHF kurze Zeit mit ihnen in Kontakt. Damals hatten sie uns berichtet, dass sie von der Antarktis kommen, und dass ein zweiter Aufenthalt dort ansteht.

Am Freitagabend kurz vor dem Eindunkeln meldet NORTHANGER per VHF, sie haben Deception erreicht und sich bei Port Foster vor Anker gelegt.

In der Zwischenzeit war bei uns trotz anscheinend sicherem Liegeplatz in der Telefon Bay, einem kleinen Krater ganz hinten im grossen Vulkankrater, nicht alles rundgelaufen.

Nach einer ruhigen ersten Nacht, zeigte der Platz schon in der zweiten Nacht seine Macken. Was für uns beinahe unglaublich schien, eine Kette hatte sich unter einem schweren Stein durch das leichte Vulkankies durchgesägt, so dass wir am nächsten Morgen in den restlichen Leinen hingen.

Nachdem wir uns verholt und neu vertäut hatten, waren wir überzeugt, die nächste Nacht trotz wechselnder Winde, unversehrt zu überstehen.

Bei einem Kontrollrundblick in der Nacht, stellte Anita fest, dass die BLUE PEARL abgedriftet war. Unglaublich; weil der Anker im leichten Vulkangrund wenig Halt fand, legten wir zusätzlich eine Ankerleine zu einem tonnenschweren Stein, und befestigten diese mit zwei Ketten. Nun hatte das Gewicht der BLUE PEARL durch starke Böen den Stein drei Meter durch das Vulkankies geschleppt, bevor sich die Ketten gelöst hatten. Der Anker wurde folglich durch die Bucht gezogen, ohne je wieder Halt zu finden.

Kurz bevor wir auf die achterliche Küste getrieben wurden, konnten wir Anker und Leinen bergen, und in die nächst grössere vor uns liegende Bucht verholen...........

Wir führen mehr als 300 Meter Leinen mit uns, für ein sicheres liegen in der Telefon Bay müssten deren 600 Meter ausgebracht werden.

Am Samstagmorgen verholten wir nach Port Foster.

Auf der NORTHANGER wurden wir von Keri und Greg wie alte Freunde empfangen.

Auch Jonathan von der AMAHERA , den wir in Puerto Williams kennen gelernt hatten, war nebst drei Gästen, die hier in der Antarktis Berge besteigen wollen, mit von der Partie.

Wir hatten alle notwendigen Angaben mit uns, so waren dann Greg und Jonathan schon wenig später damit beschäftigt, die NORTHANGER, die mit den vielen Jahren auf See zu einem schwimmenden Ersatzteillager wurde, nach den gewünschten Teilen zu suchen.

Wenig später wurde gefräst, geschnitten, gebohrt.

Inzwischen hatten sich die Gäste an Land abgesetzt, wo sie sich für eine ausführliche Exkursion entschieden hatten.

In nächster Nähe befindet sich eine aufgegebene chilenische Basis und Wahlfangstation von der einiges an Schrott und Gebäuden zurückgeblieben ist.

Während es sich Greg nicht nehmen liess, in den Mast der BLUE PEARL zu steigen, um den Schaden in Ordnung zu bringen, trafen nacheinander ein chilenischer Eisbrecher und das Passagierschiff NORDNORGE mit Gästen ein.

Bald bevölkerte sich der Strand mit Besuchern in deren obligaten roten Jacken.

Am späten Abend war der Stag soweit repariert, dass ich die verbleibenden Arbeiten am Rigg alleine fertig stellen konnte.

Zum Nachtessen wurden wir auf die NORTHANGER eingeladen, ein Schiff dessen Vergangenheit kein unbeschriebenes Blatt ist.

1989 war sie mit dem Voreigner Rick Thomas, und mit Greg als Crew, als das 45. registrierte Schiff, das die Nordwestpassage erfolgreich durchfahren hatte.

1999 / 2000 haben Keri und Greg einen Winter auf der in Position 76°34 Nord und 87°49 West, im Eis eingefrorenen NORTHANGER verbracht.

Am Sonntag trennten sich unsere Wege wieder.

Während die NORTHANGER die Passage aus dem Vulkan befuhr und sich unseren Blicken entzog, hatten wir das Gefühl, uns von langjährigen Freunden verabschiedet zu haben.

Wir selbst verholten uns in die Telefon Bay, um geeignetes Wetter für den Aufbruch in Richtung NO abzuwarten.

Am Mittwoch dem 25. Februar hatte sich an unserer Situation nicht viel geändert.

Mit 30 Knoten Nordostwind starkem Schwell und Schneetreiben, liegen wir am Anker, und warten auf die für uns passende Wettersituation.

In der Nacht konnte die Position der Jacht nur noch am Radar ausgemacht werden. Schneesturm und Dunkelheit reduzierten die Sicht auf wenige Meter.

Da wir vor wenigen Tagen in derselben Situation auf Drift waren, und der Anker erst beim wiederholten Ausbringen wirklich gehalten hatte, beteten wir, dass dies heute nicht der Fall sein möge. Bei diesen Verhältnissen wäre die Durchfahrt durch die schmale Passage in die grosse Vulkanbucht nur mit ausserordentlichem Risiko möglich. Das verbleiben vor Ort und der Versuch, den Anker neu zu setzen, müsste „blinder Kuh“ gleichkommen. Aufgrund der starken Böen wäre das Risiko auf die zum Teil flach auslaufende Küste des etwa 300 Meter breiten Vulkanbeckens zu driften, ausserordentlich gross.

So erwarteten wir das Morgengrauen, das uns von dieser Sorge befreien konnte.

Wir ziehen es vor, solche Verhältnisse auf hoher See abzuwettern. Dabei fühlen wir uns wesentlich geborgener, als hier am Anker, mit all den möglichen Gefahren.

So wirft sich nun die Frage auf, war die Entscheidung zu bleiben richtig? Die Verhältnisse vor dem Sturm hätten es womöglich zugelassen uns auf den Weg zu machen, und uns vor dem uns folgenden schweren Wetter abzusetzen.............


Am 28. Februar liegen wir noch immer am Anker im Krater von Deception Island. Nicht weil wir zu faul sind, nein bestimmt nicht! Oder vielleicht doch?

Am Abend des 26. Februar erhielten wir von Rafael einem Amateurfunker aus Palmas einen ausführlichen Wetterbericht. Beim Morgengrauen wollten wir uns mit 60° in Richtung NO auf den Weg machen. Um 4.30 Uhr weckten uns schwere Böen die bestätigten, dass uns das hinter uns liegende Tief eingeholt hatte.

Schnell ankerten wir auf, um vor der Wetterfront die eine Unmenge NO und später Ostwind mit sich führte, den Vulkan verlassen zu können.

Schon auf der Hälfte der fünf Meilen Distanz quer durch den Vulkan, fuhren wir uns fest.

Die zum Teil über 40 Knoten Wind bauten überraschend hohen Schwell auf. Mit dem Bug zum Wind versuchten wir die Abdrift in Grenzen zu halten. Da der Speed jedoch dauernd auf unter einen Knoten fiel hatten wir keinen Ruderdruck, und es trieb uns entsprechend ab. Nur mit 100% Power gelang es uns jeweils den Bug wieder in den Wind zu bringen. BLUE PEARL II wird dereinst mit einem stärkeren Motor ausgerüster sein.

Mit letzter Kraft (PS) erreichten wir Port Foster beim Ausgang des Vulkans.

Zu dieser Zeit war an das Verlassen des Vulkans nicht mehr zu denken. Ein auf der Seite liegendes Wrack zeugt von der möglichen Konsequenz eines derartigen Unterfangens. Vor Port Foster versuchten wir im weichen Vulkanmaterial zu Ankern, was sich als unmöglich erwies. Das Vulkankies, das so leicht wie Lecca ist, bot keinen Halt, um sich diesem Wetter auszusetzen. Nachdem wir den Versuch abgebrochen hatten, markierte bereits eine braungetrübte Spur hinter uns die Stelle, wo wir den Grund mit dem Kiel bearbeitet hatten.

Eine Weile dachten wir daran, die BLUE PEARL an einer langen Landleine an einem alten am Ufer liegenden Stahltank, der genau im Wind vor uns lag, zu vertäuen. Da das Beiboot nicht ausgebracht und wir nur zwei Personen waren, sahen wir davon ab.

Also ging es wieder zurück in die Telefon Bay. Inzwischen hatte der Wind zum Teil Werte bis über 50 Knoten erreicht.

Nur mit kleinem Kutter gelang es uns einen überraschend ausgewogenen Trimm in die BLUE PEARL zu bringen. Sich beinahe selbst steuernd hielt sie zwischen Anlufen und Abfallen auf unser Ziel zu, das in Nebel und Schneetreiben ganz hinten im Vulkan lag.

Eineinhalb Stunden später erreichten wir die Telefon Bay mit genügend Spielraum, um die untiefe Einfahrt korrekt anzufahren.

Noch während wir diese passierten, liessen wir den Anker in den dort von Tide und Schwell von leichtem Material gereinigten Ankergrund fallen und fuhren ihn fest, noch bevor sich das Schiff drehte, und sicher am Anker hing.

Ich hatte schon aufgehört mir Sorgen um unsere Situation zu machen. Als sich die BLUE PEARL derart zielstrebig im Wasser bewegte, war ich überzeugt, dass sie uns in die sichere Bucht bringen würde. Mit Motor ist bei 50 Knoten Wind nichts mehr auszurichten, und den Versuch mehr Höhe zu laufen wurde mit abnehmender Fahrt ( Drift) quittiert.

Tatsächlich war ich zweimal in den Stauraum des Schiffes gestiegen, um mich zu überzeugen, dass die Steuerung auch wirklich in Ordnung war, da das Ruder auf Manipulationen nur sehr träge reagierte.

Vor Jahren wurde in diesem Vulkan bei schwerem Wetter die FREYDIS (eine Stahljacht) von Erich & Heidi Wilts auf die Küste geworfen.

Uns blieb der Umstand erspart durch den Krater zu irren, um zuletzt vom selben Schicksal erreicht zu werden.

Nun hatten wir wieder eine Nacht mit zum Teil über 50 Knoten Wind und viel Schwell, am sagenhaft gut haltenden Anker abgewettert.

Die Aussichten hier wegzukommen waren nicht atemberaubend.

Am selben Abend jedoch bot sich nach abnehmendem Nordostwind überraschend die Gelegenheit, uns in nördlicher Richtung von Deception abzusetzen.

Nachdem wir uns aufgrund der um 16.30 Uhr gesendeten Wetterfaxbilder von dieser Möglichkeit überzeugt hatten, warteten wir keinen Moment mehr, hoben den Anker und waren auf dem Weg nach Kapstadt.

Am Sonntag dem 2. März segelten wir ca. 250 Seemeilen südöstlich von Kap Hoorn mit Kurs Kapstadt.

An diesem Morgen querten wir das Zentrum eines Tiefs, was den seit Tagen wolkenverhangenen Himmel aufreissen liess.

Sofort verlor die See ihre düstere Farbe, und mit der nun tiefblauen Umgebung hob sich zeitgleich unsere zuvor etwas gedrückte Stimmung.

In der Ferne liessen sich Wale beobachten, die beim Auftauchen Dampf und Wasserfontänen aufsteigen liessen. Im Laufe des Tages näherten sich einige von ihnen bis wenige Meter an die BLUE PEARL. Leider verschwanden diese so schnell aus unserem Bereich, wie sie jeweils zuvor überraschend aufgetaucht waren.

Die Wassertemperatur war in dieser kurzen Zeit von 4 auf 8° gestiegen. Die Sonne erwärmte unsere Deckhausscheiben derart, dass am Nachmittag bis in den Abend auf die Heizung verzichtet werden konnte.

Am späten Abend hatten wir unseren gewohnten Funkkontakt mit Freunden in der Karibik. Während der letzten Wochen war es kaum vorgekommen, dass wir nicht eine der Beiden Jachten „NIALI und MEWA“ erreichen konnten, die uns mit Funkkontakt über SSB schon in Grönland begleitet hatten.


#qs_1007 #qs_1002

12. Februar 2003

ENTERPRISE Island


Um 17 Uhr Ortzeit belegten wir an der ENTERPRISE längsseits und brachten Landleinen aus, um die BLUE PEARL vom Wrack freizuhalten.

Trotz der hundert Jahre, die sie der See preisgegeben ist, wirken die übriggebliebenen Aufbauten majestätisch, die ENTERPRISE muss ein stolzes Schiff gewesen sein.

Friedlich liegt sie in der halboffenen Bucht, deren Landmassen schneebedeckt sind, und deren Hänge grosse Abrissstellen aufweisen, wo sich riesige Schneemassen gelöst haben.

An einigen Stellen, an denen dadurch die nackten Felsen freigelegt wurden, haben taubengrosse, weissgraue Vögel die Felsnischen mit ihren Nestern belegt.

Dieselbe Art hat sich auch in den Aufbauten und Nischen der ENTERPRISE eingenistet.

Eifrig sind sie beschäftigt Krill aus dem Wasser zu Fischen, um ihren nimmersatten Nachwuchs damit zu füttern.

Kommt man ihren Nestern zu nahe, fliegen sie einem über den Kopf, und versuchen den Eindringling mit einem grellen Schrei zu vertreiben.

Ganz im Gegensatz zu diesem hier Erlebten, ist uns der Liegeplatz, den wir diesen Morgen verlassen haben eher als mystisch und verschlossen in Erinnerung, als ob dem Ort ein Geheimnis zugrunde liegt, das er nicht preiszugeben bereit war.


18. Februar 2003

Vorstag gebrochen; wie geht es nun weiter???


Am Morgen des 17. Februar nehmen wir die Gelegenheit war, mit schwachen Winden zu den Melchior Islands zu gelangen. Das letzte Drittel der Strecke musste allerdings gegen heftigen Wind und Schwell, der aus dem Atlantik an dieser Stelle ungehindert in die Antarktis eindringen konnte, angegangen werden.

Dieser Wind brachte aber für den Abend wolkenloser Himmel, so dass uns die Sicht auf die traumhafte Umgebung möglich wurde.

An dieser Stelle trafen wir auf Eisberge und Eismassen, deren Ausmasse alles bisher Gesehene übertrafen.

Am Abend enterten wir im östlichen Teil der Bucht eine schmale Passage, in deren Ausweitung bereits die KOTIC II vor Anker lag, und an Land vertäut war.

Wir hatten das Schiff und seine Besatzung schon in Deception Island getroffen und kennengelernt.

Da in dieser niedrigen Inselmasse keine Fallwinde zu erwarten waren, setzten wir den Anker mitten in die Bucht, und liessen die BLUE PEARL zwischen schneebedeckten Hängen schwojen.

Dem Zauber der Antarktis, der mit jedem Sonnenstrahl an Intensität zunimmt, konnten "wollten" wir uns auch an diesem Abend in der schmalen Bucht von Melchior Islands nicht entziehen.

Während Seelöwen sich in einer Leichtigkeit im Wasser bewegten und um das Schiff kreisten, die man ihnen an Land nie zumuten würde, setzten die letzen Sonnenstrahlen die Schneewände an unserer Seite, sowie ferne Schneeberge soweit unser Auge reichte in goldenes Licht.

Am nächsten Morgen war die Sicht vom Nebel eingeschränkt, und wir fuhren in eine Schlechtwetterfront, was wir an dieser Stelle nicht erwartet hatten.

Mit wenig Segel versuchten wir, behindert von starkem Schwell Höhe zu laufen, und bessere Konditionen abzuwarten, als um 15 Uhr ein starker Knall das Schiff erschüttern liess. Sekunden später wurde uns bewusst, dass der Vorstag auf dem die Genua bis auf die Grösse einer kleinen Fock eingerollt war, gebrochen sein musste.

Das Rigg war Dank des Kutterstages das den unteren Teil des Mastes abspannt, weiter nicht beschädigt worden.

An das weitersegeln in Richtung South Georgia war nun aber nicht mehr zu denken.

Die nächsten zwanzig Stunden kämpften wir uns unter Motor gegenan in den Schutz von Deception Island.

Am nächsten Mittag machten wir im kleinsten der drei Vulkankrater fest, der uns vom Besuch vor Wochenfrist noch bestens bekannt war.

Nun galt es den Schaden zu analysieren, eine Strategie festzulegen was zu tun ist, oder wie die Reise der BLUE PEARL mit dem beschädigten Rigg weitergehen soll.


06.März 2003

<Jenseits von Eden>


Damit benannten wir die Situation, die uns so fremd war, dass wir uns weder im uns vertrauten Element Erde, noch im Paradies wähnten.

Wir erlebten nicht die Hölle, – vielmehr öffneten sich uns neue Perspektiven, gepaart mit dem Wissen, dass mit dem Mast auch unser „Glück“ für die nächste Zukunft steht und fällt.


Nachdem wir beinahe eine Woche auf Deception Island, einem Vulkankratersee in der Antarktis auf günstiges Wetter für den Start zum Törn nach Kapstadt gewartet hatten, sind wir nun einige Tage mit angezogener Bremse unterwegs.

Die Drake Passage wollten wir so schnell wie möglich hinter uns bringen, da wir uns vor Kap Hoorn nicht mit dem hier üblichen schweren Wetter einlassen wollten.

Vorgestern bekamen wir Sturmwarnung. Das Sturmtief sollte Morgen genau die Position erreichen, die wir zur selben Zeit zu kreuzen gedachten.

Also legten wir den Kurs nordwärts, um aus der Drake Passage und dem Kernbereich des Sturmes zu kommen.

Nach einem halben Tag wurden wir von der "Burdwood Bank" einem Unterwassergebirge, das sich von ca. -3000 Meter auf ca. -50 Meter auftürmt, und nahezu 300 Seemeilen breit ist, gestoppt.

Die starke Strömung die üblicherweise in den Norden treibt, bricht sich an diesem Gebirge, und kam uns schon hundert Meilen bevor wir dieses erreichten mit 4 Knoten entgegen. Nordostwind verhinderte, dass wir das Hindernis östlich umfahren konnten.

Es blieb uns nichts weiter als in den Südosten zu segeln, dorthin, woher wir gekommen waren, und nicht hinwollten.

Nach einem Tag befanden wir uns wieder in etwa auf dem Ausgangspunkt.

Heute morgen war der Wind gut für Kurs Nordost, genau auf den Punkt wo das Sturmtief zu stationieren gedachte.

Auch wenn wir Stürme gewohnt sind, gehören die Stunden davor zu den unangenehmsten Zeiten, die man sich vorstellen kann, besonders in diesem Falle, wo alle Bemühungen fehlgeschlagen sind, und es nicht möglich war, uns aus dem Bereich der Front zu halten.

Am Abend um sieben Uhr bekamen wir von Rafael einem Amateurfunker aus Las Palmas, der uns jeden Abend den Wetterbericht übermittelt, Entwarnung.

Das Sturmtief scheint hinter uns für eine Weile zu verharren, um dann eine etwas südlichere Richtung einzuschlagen.

Dabei fällt für uns etwa zwei Tage Starkwind aus West an, der uns ein rechtes Stück weiterbringen wird, und...... wie mir scheint, etwas harte Nackenmuskeln, die dringend einer Massage bedürften.


Am nächsten Morgen sah wieder alles anders aus. Das Tief das uns gegen Mittag einholte, führte in seiner Front Nordost und später Nord-Nordostwind in Sturmstärke mit sich.

Da wir es uns nicht leisten konnten auf die Südseite des Tiefs abgetrieben zu werden, segelten wir mit Kutter und kleinstem Gross am Wind, um die BLUE PEARL auf Höhe zu halten, und den zu erwartenden Westwind abzuwarten.

Auf diesem Kurs spürt man Wind und Wellen doppelt so hart, als wenn diese räumlich abgelaufen werden können.

Zwischenzeitlich bargen wir das Grosssegel, um den starken Böen weniger ausgesetzt zu sein. Während wir kürzlich mit 50 Knoten Wind im Vulkankrater von Deception Island unterwegs waren, konnten wir feststellen, dass die BLUE PEARL mit dieser Besegelung den halben Speed, aber kaum an Höhe verlor.

So wurde es etwas angenehmer, während wir weiter ausharrten.

In der Nacht zum 7. März drehte der Wind auf Nordwest und später West.

Nun wurde es möglich, das Wetter auf raumem Kurs abzulaufen. Zeitgleich nahm der Wind zu, womit er gegen Morgen konstante 40 bis 55 Knoten erreichte, und in den Fronten, die in Massen über uns hinwegfegten mit Spitzen von 65 Knoten über uns herfiel.

Als der Morgen graute, hatte sich unser Umfeld völlig verändert.

Die Wellen waren zwischenzeitlich haushoch geworden. Ich verwende diesen Ausdruck, weil ich mir nicht anmassen will, eine Höhe zu nennen.

Riesige Wassermassen bewegten sich von achtern auf uns zu, hoben das Heck der BLUE PEARL, "die in diesem Bereich mit viel auftrieb, speziell für solche Kurse und Wetter gebaut ist" und schoben sich unter uns durch. In solchen Momenten wurde das Schiff das konstant acht bis neun Knoten Fahrt machte, noch schneller.

Brechende Wellen warfen das Schiff zur Seite, und überfluteten das Deck.

Dabei erinnerten die Deckhausscheiben im Lee der BLUE PEARL, die weit über die Reling krängte, mehr an ein U-Boot, denn an eine über Wasser schwimmende Jacht.

Ein Gefühl zwischen Faszination und Grauen nahm von uns Besitz. Faszination, weil das Geschehen derart mächtig war, und wir uns inmitten der tobenden See unserer Winzigkeit bewusst wurden. Jede Spur von Überheblichkeit - Stolz und allen weiteren Gepflogenheiten die wir Menschen geneigt sind uns anzueignen, fiel von uns ab. Wir fühlten uns diesen Elementen gegenüber bis zur Seele nackt, man mag es als Läuterung bezeichnen, nach solchen Eindrücken werden Grenzen für immer verschoben bleiben.

Grauen, weil im Rigg der BLUE PEARL in den vergangenen zwei Jahren zwei Stage und zwei Wanten gebrochen waren. Welche ist die (der) nächste?

Zurzeit waren wir mit dem in der Antarktis provisorisch reparierten Vorstag unterwegs..... In Kapstadt wollen wir beim Hersteller vorsprechen, und allenfalls die ganze Verstagung um eine Dimension verstärken.

Vierundzwanzig Stunden waren wir mit der BLUE PEARL diesen Elementen ausgesetzt, in ständigem Zweifel, ob das Rigg dieser enormen Beanspruchung gewachsen sein würde.

Mit dreifach gerefftem Gross und kleinem Kutter hielten wir Kurs aus dem Tief.

Das Grosssegel zu bergen, würde bedeuten, noch länger dieser Situation ausgesetzt zu sein. Zudem verringerte die schnelle Fahrt, die Gewalt des Sturmes auf die BLUE PEARL um einiges.........

Es gibt viele Theorien einen Sturm abzuwettern, da werden lange Leinen und Treibanker ausgebracht, um Fahrt aus dem Schiff zu nehmen, und um dieses zu stabilisieren.

Mit Kutter und gelegtem Ruder werden Schiffe stabilisiert und dem Drift überlassen.

Wir hatten bis heute alle schweren Wetter auf raumem Kurs mit stark gerefften Segeln, und grösstmöglichem Speed abgewettert und dabei immer ein ausgesprochen gutes Gefühl gehabt.

Was wir hier erlebten, übertraf alles uns bisher Bekannte.

Ist hier dieselbe Taktik angebracht.......... wo sind die Grenzen?

Am Abend des 8. März ging der Wind auf dreissig, später auf fünfundzwanzig Knoten zurück. Die Fronten, die jeweils die Windstärke noch um zehn bis fünfzehn Knoten erhöhten, wurden seltener. Die Spannung der wir viele Stunden ausgesetzt waren fiel von uns ab, gleichzeitig meldete sich Müdigkeit, denn an Schlaf war die letzte Nacht nicht zu denken.

An diesem Abend meldete Rafael aus Las Palmas bereits die nächste Sturmfront, die über das Kap in Richtung der Falkland Inseln auf uns zu, unterwegs war.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, sichtete ich durch die Decksluke blauen, wolkenlosen Himmel. Über Nacht waren wir aus dem nun süd-östlich vor uns liegenden Tief, in das sich anschliessende Hoch gesegelt.

Die Temperatur hatte spürbar zugenommen. Nach den Wochen in der Antarktis, in denen ausschliesslich Tiefdruck-Wetterlage herrschte, genossen wir den Tag, und konnten kaum glauben, in welcher krassen Situation wir uns noch vor wenigen Stunden befunden hatten.

Trotz des schönen Wetters setzten wir alles daran, uns in Richtung Nord abzusetzen. Nach den jüngsten Erfahrungen brannten wir nicht darauf, von der uns folgenden Sturmfront erfasst zu werden.

Vom 7. zum 8. März hatten wir mit 193 Seemeilen auf dem Log die grösste Distanz in 24 Stunden gesegelt.

Für den Moment sind wir nicht erpicht, diese Werte zu unterbieten.........



Sonntag 16. März 2003

Barowert von derzeit 1012 Hectopascal

Wie eine Zwiebel ....... wir schälen Kleiderschichten von uns….

Kaum zehn Uhr und die Sonne hat das Deckshaus über dessen Scheiben, und somit die BLUE PEARL schon auf 22° aufgeheizt.

Blauer Himmel mit leichter Cumulus-Bewölkung, die sich am Nachmittag auflösen wird, bestätigt den Barowert von derzeit 1012 Hectopascal, „riesig!“ für den, der aus dem Keller kommt.

In den letzten Tagen haben die Fronten, die via Kap Hoorn auf uns geschossen wurden, nachgelassen.

Die Wassertemperatur hat sich unter dem Einfluss der Atlantikströmung von einst 4° in der Antarktis auf nun 19° erhöht.

Gestern wurde es möglich, dass wir uns ohne schwere Bekleidung eine Weile im Lee der Sprayhood im Cockpit aufhalten und die Sonne geniessen konnten.

Am Abend legte dann der Wind wieder zu, was zur Folge hatte dass ich mich nach jeder Arbeit auf dem Vorschiff in neue Robe kleiden musste, weil jeweils just in jenem Moment eine kleine fiese Welle den Weg aufs Deck fand.

Doch auch solche Gemeinheiten können die Entwicklung, die nun mit den Bewohnern der BLUE PEARL vor sich geht, nicht aufhalten.

Von der Schwerwetterbekleidung wird jeweils nur noch in dringenden Fällen Gebrauch gemacht. Die Thermo - Unterwäsche ist leichten T-Shirts gewichen. Lange Unterhosen gehören zur Vergangenheit.

Zusehends schält sich aus dem Kleiderbündel die Frau, die ich geheiratet hatte.

Reize, die für Wochen verborgen blieben, werden sichtbar.

Im Gegensatz zu den Breiten, in denen wir uns bewegen, (in Patagonien wurde vor Wochenfrist auf Winterzeit umgestellt) wird auf der BLUE PEARL der Frühling deutlich spürbar........

Rafael hatte uns gestern Abend auf ein hinter uns liegendes Tief aufmerksam gemacht, und uns zugleich alle möglichen Aussichten und Entwicklungen bekantgegeben, um uns eine Strategie zu ermöglichen.

Anschliessend hatten wir die Wetterkarten des Südatlantiks studiert, die nun wieder über Rio via SSB auf der BLUE PEARL verfügbar sind.

Wir hatten genug von Strategien, bei dem zurzeit herschenden Nord – Nordostwind, blieb uns zudem kaum eine Wahl. So haben wir uns entschlossen Kurs zu halten, und erst bei Bedarf die notwendigen Vorkehrungen zu treffen.

Nach diesem Tief sollten wir das Südatlantik-Hoch erreichen, dessen westliche Winde uns mit etwas Glück bis nach Kapstadt bringen können.

Heute Abend sind wir 16 Tage unterwegs. Wollen wir Kapstadt am Abend meines 50. Geburtstag erreichen, bleiben uns weitere 16 Tage. Im Gegensatz zu den bis heute auf der Karte entnommenen 2160 sm müssten deren 2410 zurückgelegt werden.

Bleibt zu hoffen, dass die Steigerung auf einen Tagesdurchschnitt von 150 sm oder plus 10% Geschwindigkeit möglich sein wird.

Andernfalls bleibt uns die nächste Marke. Am 4. April jährt sich der Tag unseres Aufbruchs in Kapstadt zum zweiten Mal.


Reiher trifft mitten im Südatlantik auf die BLUE PEARL

17. März 2003




Ersatzteile werden rar BLUE PEARL 19. März 2003


Ein lauter Knall begleitet durch einen heftigen Ruck durch das Schiff, holte mich aus dem Schlaf, der kaum eine Stunde gedauert hatte.

Gespannt horchte ich auf weitere Geräusche. Ausser den bekannten Schiffsgeräuschen, liess sich jedoch nichts Weiteres ausmachen.

Dafür holte mich Anita aus der Koje. Ihr war dieses Geräusch bestens bekannt, und genau wie ich befürchtete sie, im nächsten Augenblick den Mast aufs Dach zu kriegen.

Mit einer starken Lampe suchten wir im Rigg nach der Ursache, und stellten fest, dass die achterliche Unterwante auf der Luvseite gebrochen war.

Diese Wante hatten wir vor wenigen Monaten auf Gran Canaria, kurz vor dem Brechen ausgetauscht, und führten seither auch eine Ersatz mit uns.

Schnell fierten wir das bereits stark gereffte Gross, um dessen Druck aus dem Rigg zu nehmen.

In der Folge machte ich mich daran die Ersatzwante zu bearbeiten, da deren Endstück im Top nicht baugleich mit den im Rigg verwendeten Terminals war.

Beim ersten Morgengrauen stieg ich im Sitz eines Hängegleiters, den ich mit einer Liveleine an den Mastsprossen sicherte, ins Rigg.

Trotz starker Böen wollte ich nicht länger damit warten, dem Mast die dringend notwendige Stabilität wieder zu geben.

Unter Fahrt kämpfte ich mich gegen die Fliehkraft, die sich mit jeder Schiffsbewegung zu vervielfachen schien, Stufe um Stufe nach oben.

Die Fahrt aus dem Schiff zu nehmen, oder dieses in den Wind zu stellen, hätte bei den derzeit hohen Wellen zu noch weit stärkeren Schiffsbewegungen geführt.


Kaum war die Reparatur beendet, hatte der Wind auch schon auf Sturmstärke zugelegt. Das Baro war in den letzten Stunden um je zwei Striche gefallen. Die Front, die sich uns von hinten näherte hatte uns bereits fest im Griff.

Wie schon so oft in den letzten Tagen konnten wir nicht verhindern, von diesem Tief frontal erfasst zu werden. In dieser Region, in der Westwind vorherrscht, segelten wir seit Tagen ausschliesslich mit Nord-Nordostwind, der es zuliess hoch am Wind nach Osten, und nur um wenige Grade in den Norden zu segeln. Ein Ausweichen vor der Front war also nicht möglich.

Erst nachdem wir uns Stunden hoch am Wind durch den Sturm gekämpft hatten, drehte der Wind nach Nord – Nordwest und später nach West, was uns ermöglichte, das Tief achterlich in nordöstliche Richtung abzulaufen.

Ab diesem Augenblick wurden auch 40 Knoten Wind erträglich, ja das achterliche Ablaufen des Sturmes dürfte sogar als „die Schokoladenseite“ dieses Tages gewertet werden.

Noch liegen über zweitausend Meilen bis zum Ziel Kapstadt vor uns, und wir stellen fest, dass sich die Anzahl der intakten Ersatzteile für die BLUE PEARL bedenklich lichtet.

Nachdem wir kurz nach dem Stop auf Gran Canaria den Antriebsmotor des Autopiloten austauschen mussten, hat sich unsere Windsteueranlage Pacific plus

durch Bruch ein weiteres Mal verabschiedet.

Vor wenigen Tagen mussten wir den Computer des Autopiloten austauschen, nachdem dieser die Koordination nicht mehr aufbrachte, um das Schiff zu steuern.

Schon der nächste Defekt im Rigg, oder am Autopiloten kann möglicherweise aus Mangel an Ersatzteilen nur provisorisch oder gar nicht repariert werden, und uns in entsprechende Schwierigkeiten bringen.


Am Morgen des 19. März segeln wir unter blauem, von keiner Wolke getrübtem Himmel.

Wir hatten nun das Südatlantik-Hoch erreicht, in dessen südlicher Front wir uns Westwind versprachen. Nun mussten wir feststellen, dass das Hoch sich stark in den Süden versetzte, um sich möglicherweise in den nächsten Tagen, unter dem Kap der guten Hoffnung ostwärts abzusetzen.

Am nächsten Morgen fanden wir uns im Begriff das nun vor uns liegende Hoch in seinem Zentrum zu entern. Wieder stand Ost - Nordostwind an, womit es kaum möglich war, uns dem Ziel Kapstadt weiter zu nähern.

Rafael konnte uns an diesem Abend per SSB mit den Wetterprognosen nicht mehr erreichen, auch mit unseren Freunden in der Karibik war es derzeit nicht mehr möglich in Kontakt zu treten.

Aus den Wetterkarten versuchten wir die weitere Entwicklung der Wettersituation zu erörtern.

Vielfach hatten wir nach Wetterkarte klare Gegebenheiten, vor Ort jedoch Wind, der nicht zur Karte passte. Damit zeigte sich dass die Karten örtliche Situationen nicht entsprechend berücksichtigen, und vorwiegend die Grosswetterlage und starke Fronten aufzeigen. Dazu ist allerdings zu sagen, dass auch die Prognosen von Rafael oft stark daneben trafen. Doch wir schätzten diesen Kontakt in den Weiten des Südatlantik, der für uns Anschluss zur Welt bedeutete.

Täglich sendet Radio Schweiz International eine halbe Stunde über Kurzwelle.

Heute war der Irakkrieg Thema Nr. 1 „Wahnsinn!!“ Da erübrigt sich jeder Kommentar....

Zu unserer Freude wechselte der Wind am 22. März auf Nord, womit es uns möglich wurde, wieder Kurs Ost und somit in Richtung Kapstadt zu segeln.

Anita hatte an diesem Nachmittag eine weitere angebrochene Wante ausgemacht. Nachdem der letzte Bruch im Topbeschlag möglicherweise auf einen Materialfehler zurückzuführen war, ist in diesem Fall wieder ein Draht am Fuss der Wante gebrochen, was bestätigt, dass dieser Teil des Riggs für unseren Bedarf nicht ausreichend dimensioniert ist.

Wir führen auch hier „den letzten verfügbaren“ Ersatz mit uns, und hoffen, dass mit dem 6. Bruch im Rigg der Serie für dem Rest der Reise Genüge getan sein wird.



30. März Pos. 34° 42 Süd und 9° 34 Ost.

Seit einer Woche segeln wir ohne grosse Störungen im Richtung Kap der guten Hoffnung.

Allerdings sind die Bedingungen auch unter guten Verhältnissen nicht mit dem Segeln in mittleren Breiten zu vergleichen. Viele ausladende Fronten, vorbeiziehender Tiefs lassen den Wind böig, und die See bockig werden. Solche stundenlange Aufenthalte in den Ausläufern ferner Fronten zerren an Geduld und Nerven. In den Wetterkarten versuchen wir die jeweiligen Unruhestifter zu erörtern, und die Dauer der Einwirkungen abzuschätzen.

Am 27. März um 17 Uhr UTC hatten wir den Null (Greenwich) Meridian von West nach Ost überfahren, und zählen nun aufwärts bis 18° Ost, die Länge von Kapstadt....

Das Hoch vor uns hatte sich tatsächlich ostwärts abgesetzt. Die letzten zwei Tage querte uns ein Tief mit etlichen Fronten, was uns allerdings in der Richtung immer günstige Winde bescherte. Nun sind wir im Einflussbereich eines hinter uns liegenden Hochs, dessen Front uns letzte Nacht erreicht hatte.

Im Gegensatz zu den Hochdrucklagen die aus dem Norden das Kap erreichen, führt dieses Hoch aus dem Süden wesentlich kühlere Luft mit sich, was uns bisher trotz blauem fast wolkenlosem Himmel veranlasste, unsere Zeit vorwiegend im warmen Deckhaus zu verbringen.

Sollten die Winde günstig bleiben, wird unsere Ankunft in Kapstadt am 3. April sicher sein.

2. April ...Mein 50. Geburtstag gehört der Vergangenheit an...

Nachdem uns Ostwind in den Norden abzudrängen drohte, hatte sich an meinem Geburtstag die Situation wieder zu unseren Gunsten bereinigt.

Hoch am Wind segelten wir mit gewünschtem Speed in Richtung Kapstadt.

Auch wenn sich der Tag kaum von den vielen Tagen zuvor auf See unterschied, erlebten Anita und ich ihn als etwas besonderes. Jeder Moment wurde zelebriert und genossen. Ich bin mit mir und meinem Leben zufrieden, wie ich mir das kaum zu wünschen getraute.... Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren von vielen Fixierungen gelöst, und gelernt leichter zu leben.......

Wem dieses Gefühl nicht vertraut ist, entrümple seinen Estrich, und trenne sich von allem Ueberflüssigen, stelle seine Zeit auf „Zero“, und freue sich an der Wahl der vielen Möglichkeiten, die ihm die Zukunft bietet.............



Dienstag 3. April 2003


KAPSTADT die Stadt die wir ins Herz geschlossen haben


Wir sind tatsächlich am dritten April in Kapstadt eingetroffen.

Ein wunderschöner Tag, mit leichtem Südwind in den frühen Morgenstunden, der zunehmend stärker wurde und gegen Nachmittag auf WSW schwenkte.

Nachdem wir das Gross zweimal gerefft hatten, bargen wir dieses und liessen uns nur von der Genua mit flottem Speed in Richtung Hafeneinfahrt ziehen.

Während der Tafelberg, der Löwenkopf, die 12 Aposteln bis zum Sentinel vor Hout Bay im Sonnenlicht lagen, schälte sich die Stadt nur zögernd aus der vor ihr liegenden Nebelbank.

Nebst dem einmaligen Zusammenspiel von Farben und Formen dieser weltbekannten Bergmassive, offenbarte sich zusehends die bekannte Silouette der Stadt unserem Blick.

Vor zwei Jahren hatten wir von diesem Ort unsere Reise gestartet, nun fühlten wir uns als Heimkehrer.

Wir hatten Kapstadt und seine weite Region auf Anhieb ins Herz geschlossen, und freuen uns auf die vor uns liegende Zeit in dieser Stadt.

Auch hier gehören Armut und Korruption zum Alltag, aber wir begegneten der Korruption nie so offen wie in Brasilien, wo in grossen Städten Besucher, die Wertsachen offen tragen, „nach Statistik“ zu 90% am ersten Tag ausgenommen werden......

Nachdem wir nun bereits Abklärungen bezüglich der Verstagung unseres Riggs getroffen haben, sind wir jetzt mit der Lackierung des Innenausbaus beschäftigt.

Bevor wir uns Ende Oktober in Richtung Tasmanien auf den Weg machen, werden wir die BLUE PEARL auf Slip nehmen, und das Antifouling erneuern. ( Anstrich gegen Bewuchs im Unterwasserbereich) Bei dieser Gelegenheit werden wir die Ersatzwelle und Schraube einpassen, und eine neue, wartungsfreie Stopfbuchse montieren. (Dichtung gegen eindringendes Seewasser im Bereich der Welle)

Einige Beschläge müssen zum besseren Trimm der Segel versetzt werden.

Das Teak im Cockkpit, das sich in den vergangenen zwei Jahren zusehends vom Untergrund gelöst hatte, muss dauerhaft montiert werden.

Trotz all dieser Arbeiten die nun fällig werden, hatte sich die BLUE PEARL in den letzten zwei Jahren oder 35 000 Seemeilen bestens bewährt!

Wir hatten das Schiff in Gebiete und Situationen geführt, in denen die Beanspruchung sehr gross war.

Wir haben damit wohl auch die Grenzen des mit einer Fahrtenjacht möglichen touchiert.

Waren wir mal unterwegs, galt es das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Dazu bot uns die BLUE PEARL, die exzellent konstruiert ist, und eine ausgewogene Mischung von Sicherheit und Geschwindigkeit bietet immer eine Auswahl von Möglichkeiten.



#qs_1004 #qs_1003 #qs_1005 #qs_1006


09. Januar 2003 19. Januar 2003 21. Januar 2003 26. Januar 2003 27. Januar 2003 31. Januar 2003 08. Februar 2003 09. Februar 2003 11. Februar 2003 12. Februar 2003 14. Februar 2003 18. Februar 2003 22. Februar 2003 06. März 2003 16. März 2003 19. März 2003 03. April 2003 30. März 2003

Kurs auf die Falklands 2003 Süd 35° 20 West 50° 25

Falkland Islands

Your must go quickly…….

PUERTO WILLIAMS

USHUAIA


PUERTO WILLIAMS - ANTARCTIC

Antarktis Pennisula – South Shetlands

Deception Island

Kap Sterneck S 64° 02` 89 W 64° 59` 85

ENTERPRISE Island

PORT LOCKROY

Vorstag gebrochen; wie geht es nun weiter???

Keri & Greg von der NORTHANGER

<Jenseits von Eden>

Barowert von derzeit 1012 Hectopascal

Ersatzteile werden rar

30. März Pos. 34° 42 Süd und 9° 34 Ost.

KAPSTADT

die Stadt die wir ins Herz geschlossen haben

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Waltenschwil <Schweiz> 27. Mai 2003


Der Gegensatz, nach zwei Monaten in Antarktis und Südatlantik in einer Grosstadt wie Kapstadt anzulegen, könnte grösser nicht sein.

Dennoch fühlten wir uns ab dem ersten Augenblick zu Hause.

Mit Wehmut, aber auch ein wenig Stolz denken wir an die letzten zwei Jahre zurück, und uns wird bewusst, wie schnell, wie rasend schnell die Zeit vergeht.

In Gedanken zoomen wir das Erlebte zu einem kurzen überschaubaren Moment, den wir nicht missen möchten, für den zu Erleben sich jeder Aufwand lohnt, und sei es, dafür zum Ende der Welt zu segeln......

Die Begegnung mit Menschen, die sich zum Teil vor vielen Jahren aus der gesellschaftlichen Norm und Sicherheit gelöst hatten, gab uns neue Impulse und nicht selten tiefgreifende Denkanstösse.

Es gibt nichts besseres, als die Tage auf See, um solchen Gedanken nachzuhängen.

Nun leben wir seit bald zwei Wochen in der Provinz. Zeit, unserem Dasein etwas Action beizusteuern.

Mit Waldläufen haben wir uns bemüht, unser Gewicht ordentlich zu platzieren, bald legen wir ab, „per Bike“ um mit Touren quer durch die Schweiz, an alte Zeiten anzuschliessen.

Derweil unser Schiff BLUE PEARL in Kapstadt wartet bis die Reise im Herbst

fortgesetzt wird.


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