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2003-2

Kapstadt 28. Sept. 2003


Die ersten zwei Wochen in Kapstadt liegen bereits hinter uns. Wir haben die Zeit genutzt, um die BLUE PEARL auf Slip zu legen.

Der Unterwasserbereich wurde mit einem neuen Antifouling versehen, zudem mussten verschiedene Schweissarbeiten an Deck ausgeführt werden.

Die Erfahrungen der letzten zwei Jahre führten dazu, dass nun verschiedene Veränderungen an den Decksbeschlägen anstanden. Von ihnen versprechen wir uns nun ein besseres und konfortableres Handling des Schiffes.


Bei dieser Gelegenheit ersetzten wir die traditionelle Stopfbuchse mit einer trockenen Schaftdichtung von VETUS. Da dazu die Welle ausgebaut werden musste, passten wir bei diesem Arbeitsgang die neue Ersatzwelle und Schraube ein.

Die Segel liegen zum Check beim Segelmacher. Trotz ausgesprochen starker Qualität haben die letzten zwei Jahre Spuren hinterlassen. Die Unterwanten und Achterstage sind ausgetauscht, der Vorstag ausgebaut, und mit dem Eintreffen des neuen Stages gehen die Wartungsarbeiten auch schon dem Ende entgegen.

Noch steht ein Besuch bei Susan und Peter in Gordensbay an, mit denen wir die Tage auf St.

Helena verbracht hatten. Von dort setzten sie mit ihrer WINGS Kurs auf Brasilien, und wir nach Europa. Die meisten Bekanntschaften unterwegs sind auf Zeit, mit ihnen hatten wir jedoch noch regelmässigen e-mail-Kontakt.



Kapstadt 18. Oktober 2003


Während einige Arbeiten unserem Wunsch entsprechen verliefen, scheint in einigen Details der Wurm zu stecken.

So hat sich im Vergaser des Mercury Aussenborders seit dem letzten Gebrauch in der Antarktis Korrosion angesetzt. Die Achse der Luftklappe sitzt unbeweglich fest. Es bleibt die einzige Möglichkeit, das Stück mechanisch zu entfernen, und mit einem neuen Teil zu ersetzen. „Lieferzeit zwei Wochen“.

Im weiteren hatte die Rettungsinsel „AUTOFLUG“, die in einem wasserdichten Kunststoffbehälter in einer Plastikhülle vakuumverpackt auf dem Deckhaus gelagert ist, zwischen dem Wartunsinterwall der letzten zwei Jahren Wasser gemacht. Demzufolge wurde der grösste Teil der Ausrüstung unbrauchbar zerstört. Dazu kam, dass die Insel aufgrund eines korridierten Ventiles die Luft nicht halten konnte, was bei Gebrauch im Notfall zu unvorstellbaren Folgen geführt hätte......

Trotz einiger Rückschläge erstrahlt die BLUE PEARL in neuem Glanz, was einem Reinigunsmittel zuzuschreiben ist, auf das wir durch Insider-Informationen gestossen sind.

Am 24.-26. Oktober findet hier in der Waterfront von Kapstadt die Boat & Watersport Show statt, was wir nicht versäumen wollen. Nebst weiteren Attraktionen wird die PELACEK, eine neu in Durban gebaute 70 Fuss (21 Meter) Aluminium Segelyacht erwartet, die speziell für Exkursionen mit Gästen in hohen Breiten gebaut wurde.

Sollten dann noch nicht alle für die Wartung benötigten Teile eingetroffen sein, könnten wir uns einen Kurztrip in das ca. 500 km entfernte Namibia vorstellen.


Kapstadt 4. November 2003


Zunehmend erledigen wir anstehende Pendenzen, die sich andererseits in Eigendynamik zu vermehren drohen...

Der Vergaser unseres Aussenborders konnte mit den eingetroffenen Ersatzteilen repariert werden, auf Ende Woche wird ein auf Mass bestelltes Bücherregal geliefert und eingebaut.

Der Schaden am Ersatz- Computer für den Autopiloten hatte sich als Bagatelle erwiesen, die von uns infolge einer Fehlinterpretation der Anleitung nicht behoben werden konnte.

Inzwischen sind die Überzüge für die neuen Polster geliefert worden, und vieles mehr....


Da jede Jacht ein endloses Werk ist, bleibt einem sich vorrangig auf das Wesentliche zu

konzentrieren. Das wiederum schliesst eine ständige Wartung und Instandstellung nicht aus, denn der Weg von einer seetauglichen Jacht zum Wrack ist kurz.

Der Termin für unseren Aufbruch in den Südosten ist bereits mehrmals vertagt.

Dazu muss gesagt werden, dass sich die Konditionen im Bereich des vierzigsten Breitengrades,„der roaring forties“ mit Bezug auf den nahenden Sommer nun zusehends verbessern, und wir deshalb entsprechend günstigere Verhältnisse erwarten dürften.


Für grössere Trips fehlte uns die Zeit, oder zumindest verteilten sich die Termine so,

dass wir uns für längere Touren unabkömmlich halten.

In den letzten Tagen sind hier einige uns bekannte Jachten eingetroffen, die wir alle im Beagle

Chanel zuletzt gesehen hatten.


So ist kurz nach dem Japaner Masayuki mit der Benetau „BEAM“, John aus Alaska mit seiner

vor über dreissig Jahren selbstgebauten Holzjacht FARAWAY eingetroffen.

Am Sonntag wurde dann der Franzose Jacques Peignon mit seiner Aluminiumjacht

GLORY OF THE SEA von der Resque, (dem Rettungssuchboot) zum Steg des Clubs geschleppt.

Ein Problem mit dem Getriebe verhinderte, dass er, nachdem er bei Starkwind in den Hafen

gesegelt war, ohne deren Hilfe anlegen konnte.


So treffen sich dann die Crews der vier Jachten nach Kap Hoorn, nun unerwartet am

Kap der guten Hoffnung wieder. Ausser den Joho`s handelt es sich dabei um Einhandsegler, die zurzeit ohne Crew unterwegs sind.

Jeder der drei Segler hat seine eigene Geschichte, die jeweils die Grenze der Fantasie eines

guten Vorstellungsvermögens hart zu touchieren vermögen....

Dabei könnten die Menschen und deren schwimmende Untersätze kaum verschiedener sein.


Kapstadt 10. Nov. 2003


Nahezu täglich treffen wir Fahrtensegler uns jeweils am Abend auf Jacques GLORY OF THE SEA oder auf der BLUE PEARL „zum Dinner“, wie Jacques sich zu äussern pflegt, oder zum Kaffee, was sich oft bis in die ersten Morgenstunden erstreckt.

Nachdem uns Jacques Vergangenheit aufgrund seiner Erzählungen, verschiedener Filme und Fotos nun bekannt ist, können wir euch diese nicht vorenthalten......

Jacques hatte den Beruf eines Segelmachers erlernt, und mit 18 Jahren in einem Dorf in der Nähe von La Rochelle, wo er seit seinem dritten Lebensjahr lebte, mit dem Bau einer 40 Fuss Ferrozementjacht begonnen, die dann vier Jahre später fertiggestellt, und transportbereit war.

Da kein Weg vom Hinterhof der als Bauplatz diente in die enge Gasse vor dem Haus führte, musste die aus Bruchsteinen gemauerte Fassade des Nebengebäudes geöffnet..... abgebrochen werden.

Auch damit reichte der zu Verfügung stehende Platz in der Gasse noch nicht.


Als Folge blieb trotz heftigem Protest der Nachbarin, auch deren Hausfassade nicht verschont.

Damit kam es im achthundert Seelendorf zu einem Ereignis, das an Action kaum zu überbieten war.

Fotos dokumentieren, dass so ziemlich alles was gehen konnten, dem Schauspiel beiwohnte.

Mit der Jacht „ohne Motor“ segelte er in den folgenden Jahren als einer der ersten in die Antarktis.

Später ist das Schiff ausgebrannt und gesunken.


Nebst verschiedenen Aktivitäten auf Charterschiffen und Engagements als Unternehmer,

meldete er sich zur Teilnahme am Vendee Globe 2000. Seine Absicht war, eine schnelle und sehr starke Jacht zu bauen,

und mit der Teilnahme am Vendee Globe deren Finanzierung sicherzustellen. Dazu wollte er damit auf weitere für später geplanten Aktionen in der Antarktis auf sich aufmerksam machen.


Die Werft ging während der Bauzeit in Konkurs... die sich im Bau befindende Jacht verlor

sich in deren Konkursmasse, und brachte Jacques damit um sein ganzes Investment.

Er fand darauf Investoren und war damit in der Lage, die Jacht, mit dem drehbaren Mast als

extremstes Merkmal, zu bauen.

Nach seinen Aussagen ist der Mast mit 9 m2 Seitenfläche ab 35 Knoten dazu geeignet, ohne weiteres am Wind zu segeln.


Dazu verfügt sie über 2 Ballast Hubschwerter mit bis 3.5 Meter Tiefgang, und 2 Ruder die

über das Heck aus dem Wasser gehoben werden können.

Da auch die Welle mit Schraube in den Rumpf geschwenkt werden kann, ist die Jacht bestens zum Trockenfallen geeignet.

Um am Vendee Globe teilzunehmen brauchte Jacques eine Qualifikation, in der Art eines

Races mit einem Schiff in ähnlicher Grösse der Vendee Globe Jachten, die damals mit 50 bis 60 Fuss Länge startberechtigt waren.

Jacques Peignon hatte in seinem Palmares die Teilnahme an einem Mini Transat,

das er mit seiner bahnbrechenden Konstruktion „mit zwei Rudern“ gewonnen hatte.

Für die fehlende Vendee Globe Qualifikation plante er die Teilnahme an der

Transatlantik Regatta. Dazu kam die Stahlketsch Joshua in Frage, die nach dem Ableben der französichen Segel-Ikone Bernhard Moitessier von dessen Familie mit der Auflage das Schiff

weiter zu segeln, einem Museum vermacht wurde.


Der Deal schien zu klappen, und Jacques begann die Jacht, die vom Museum in der

Zwischenzeit restauriert worden war, für das Race aufzurüsten.

In der Folge konnte in der Verwaltung des Museums keine Mehrheit zur Genehmigung des Projektes gefunden werden, was eine Teilnahme an der Transatlantik Regatta, mit der über

vierzig jährigen Jacht vereitelte.

Jacques bat den Museum–Direktor um die Bewilligung, die Joshua an den Start der

Regatta zu Segeln , um mit seiner dortigen Präsenz die Sponsoren für ihr Engagement zu entschädigen.

In der Folge blieb es nicht beim Start, denn Jacques hatte sich vorgenommen, die Gelegenheit zu nutzen, um sich für das Vendee Globe zu qualifizieren.......


Die Jacht wurde vom Museum als gestohlen gemeldet, und Jacques bei seiner Ankunft in Newport USA verhaftet und in Eisen gelegt.

Damit blieb ihm die Möglichkeit, die Jacht JOSHUA wie vorgenommen an den

Ausgangspunkt zurückzusegeln verwehrt. Zurück in Frankreich musste er sich vor Gericht für die Entwendung der nun noch berühmteren Stahlketsch verantworten.

Drei Monate lang berichteten französische Fernsehstationen in den Nachrichten über den

aussergewöhnlichen Fall.

In Jacques gesammelten Filmdokumenten ist leicht zu erkennen, dass Richter und Anwälte

die Verhandlung mit Belustigung angingen.

Selbst den Tagesschausprechern fiel es schwer, die jeweiligen Ansagen über die Verhandlung

mit dem geforderten Ernst vorzubringen.

Jacques verstand es ausgezeichnet, die Situation, und den Rummel um seine Person

vorteilhaft zu nutzen. Er gewann nicht nur die Herzen der Segelgemeinschaft.


Auch der französischen Bevölkerung „die den Fall interessiert verfolgte“, fiel es leicht, für ihn Stellung zu nehmen. Jacques wurde vom Gericht zu einem Monat Gefängnis bedingt und einem Franc Busse, „die nie eingefordert wurde“ verurteilt.

Da ein Sponsor nach diesem Zwischenfall sein Engagement zurückzog, war es ihm nicht möglich am Vendee Globe 2000 teilzunehmen.

Die Aluminium Slup „Glory of the Sea“ wurde jedoch mit dem verbleibenden

Investor fertiggestellt, und von Jacques und seiner Crew ab Anfang Februar 2003 in die Antarktis bis 75° Süd gesegelt.


Der bei dieser Expedition gedrehte Film, und viele Fotos zeigen, dass die Crew nebst vielen

Begegnungen mit Pinguinen, Robben, Seeleoparden und Walen, mit dem Erreichen der Eisgrenze auch ihr hochgesetztes Ziel erreicht hatte.

Nachdem sich ein Crew- Mitglied der Expedition mit einem für den Sommertourismus

genutzten Eisbrecher „ohne Entgelt“ in Richtung Beagle Kanal verabschieden musste, verbrachte Jacques mit seiner Begleiterin die Zeit bis Ende April im Vulkankrater von Deception Island.

Dort setzte er das Schiff mit aufgezogenen Schwertern, die Tide nutzend, auf den Strand, just auf eine warme Quelle, in der Nähe einer verlassenen Walfang-Station.

Der Vulkan, der noch vor wenigen Jahren aktiv war, und die Forscher der chilenischen Station

zum Rückzug zwang, ist inzwischen wieder zur Ruhe gekommem.

Da wir selbst auch über eine Woche im Krater von Deception Island verbrachten, dort den gebrochenen Vorstag reparierten, und in schwerem Wetter günstige Konditionen für die Drake Passage, und die weitere Fahrt nach Kapstadt abwarteten, hatten wir uns gegenseitig viel zu erzählen.


Im Gegensatz zu Jacques, konnten wir uns mit der BLUE PEARL nicht trocken fallen lassen, dazu plagten wir uns mit der Folge der nicht genügend vorhandenen Leinen „500 bis 600 Meter braucht es“, um ein Schiff in der Telefon Bay sicher zu vertäuen.

Als Alternative wetterten wir durch die Situation gezwungen, die sich folgenden Sturmtiefs mit

teilweise über fünfzig Knoten Wind, am Anker ab.

Nachdem wir im leichten Sand auf Drift gingen, fanden wir in der Einfahrt in die Bucht

schweren Grund, in dem unser Anker ausgezeichnet hielt. Der starke Schwell aus dem 5 Meilen langen „grossen“ Krater musste dabei in Kauf genommen werden.


Während wir mit dem geschädigten Rigg Anfang März noch vor Jacques Eintreffen, ohne Stop die 4500 Meilen Seefahrt nach Kapstadt aufnahmen, verholte Jacques sich zwei Monate später, „mitten im südlichen Winter“ von Deception Island nach St. Georgia, und verbrachte im Kontakt mit der dort unvergleichlichen Tierwelt weitere arktische Winterwochen in gut geschützten eisfreien Ankerbuchten.


Indischer Ozean 10. Dezember 2003


Die Roaring Forties sind vielen vom Namen her bekannt, was sich jemand damit vorstellt,

bleibt der Fantasie des Betreffenden vorbehalten.

Ausser den Racers im " Vendee Globe" und/oder "Alone Around", sind es nur wenige, die als Route die südlichen Ozeane im Bereich des 40. Breitengrades zwischen den Kontinenten und der Antarktis wählen.


Der Bereich in den Vierzigern bietet sich an, weil eine ostwärtssegelnde Jacht die zwischen

den Tiefs entlang der Antarktis im Süden, und den nördlichen Hochs, die sich in diesem Falle unter Afrika durchzwängen, hier mehrheitlich auf achterliche Winde treffen wird.

Dafür gibt es allerdings keine Gewähr. Regelmässig kommen anstelle der Hochs im Norden auch Tiefs, was womöglich zu Starkwind oder Sturm "gegenan" führt.


Seit wir am Samstag in Kapstadt abgelegt hatten, haben wir in etwa alle möglichen Wind- und Wetterbedingungen erlebt, aber wann immer es möglich war, beharrlich Kurs Südost gehalten.

Zurzeit bewegen wir uns auf 39° 40`Süd, und sind kurz davor, unsere gewünschte Position im Bereich des 43. südlichen Breitengrades zu erreichen, um dann in Richtung Osten zu halten.

Hochs und Tiefs, die zügig ostwärts drängen, greifen in diesen Breiten in sich,

was Ausdruck in schnell wechselnden Wettersituationen findet.


Nachdem wir uns letzte Nacht in einem Ausläufer eines Hochs mit rundumdrehenden schwachen Winden plagten, liegt zurzeit Wind aus Nord-Ost mit 35 bis 45 Knoten in Sturmstärke an, was uns "Hack" mit Speed von acht bis neun Knoten bringt.


Das neu verstagte Rigg lässt keine Zweifel mehr aufkommen.

Die neuen Backstagen, die kaum noch Bewegung im Mast zulassen sind mit Beweis für die gelungene Verbesserung.

Auch wenn wir uns in Kapstadt heimisch fühlten, alte Freunde trafen, und viele neue Bekanntschaften gemacht hatten, wurde es höchste Zeit, die Leinen zu lösen, um die BLUE PEARL und uns, deren Crew, an neue Ufer zu führen.



Indischer Ozean 13. Dezember 2003


Die erste Woche liegt hinter uns. Ebenso schreiben wir heute die Tausendste Meile im Logbuch.

Nachdem wir uns ohne "einfahren" auf diese harte Piste begeben hatten, haben wir uns

nun auf diesen Effort eingestimmt.


Mehr und mehr werden uns die extremen Wetterbedingungen vertraut, und wir versuchen vorwegzunehmen, was uns die nächsten Stunden bringen werden.

So hatte sich die Strategie für die letzte Nacht als richtig erwiesen.

Mit dem Trimm der BLUE PEARL hatten wir den in der Nacht folgende Windwechsel berücksichtigt, womit der Freiwache eine ungestörte Nachtruhe beschieden war.


Das Gefühl das nach einem gelungenen Zug aufkommt, vergleicht sich mit dem nach einem Befreiungszug beim Schachspiel. Etwa so hart trifft es einem, wenn der Gegenspieler in unserem Fall das Wetter noch etwas draufsetzt, und uns alt aussehen lässt.... womit dann

als nächstes ausschliesslich für die Schadensbegrenzung gesorgt werden muss.


Unsere derzeitige Position 40°09` Süd 31°40`Ost

Ca. 8.5 Knoten Fahrt in Richtung Ost bei 30 bis 40 Knoten halber Wind aus Nord

Bedeckter Himmel, mit Anzeichen für eine aufziehende Front. ... die nächste Front...


In den Weiten des süd-indischen Ozean 20. Dez. 2003

In unserem Logbuch Schreiben wir 41° Süd 53° West

Sonne... 25 Knoten Wind aus Nord-Nord-West 7 Knoten Fahrt in Richtung Ost-Süd-Ost

Deviation (Abweichung vom Kompasskurs zum Kartenkurs 45°)


Die See zeigt sich von der besten Seite.

Endlos bewegen sich die tiefblauen weissgekämmten Wellen in der Sonne gleissend auf uns zu. Albatrosse, Sturmvögel und Seeschwalben begleiten uns. Sonntagsegeln schon am Samstag... damit wird es aufgrund der Wetterkarten schon bald vorbei sein.


In einer Woche erreichen wir die Kerguelen. Es bleibt uns ein angenehmer Rückblich auf die zurückliegenden ersten zwei Wochen, unterwegs von Kapstadt nach Tasmanien.

Wir segelten in etwa auf der Achse des vierzigsten südlichen Breitengrades ostwärts.

Dass wir noch nicht weiter südlich sind erklärt sich damit, das wir versuchten, uns im äusseren Bereich der südlichen Tiefs aufzuhalten.


Mit dem Risiko, dass wir auch in den schwachwindigen Kernbereich der nördlich von uns ziehenden Hochs geraten können, die am Fuss von Südafrika unter dem "Kap der Guten Hoffnung" die Tiefs weit in den Süden drängen.

Bis heute haben wir solche Situationen benutzt, um unter Motor die Batterien zu Laden, Trinkwasser zu produzieren, und Wartungsarbeiten am Motor (Wasser im Diesel, verstopfte Dieselleitung) vorzunehmen..


Nun folgt uns ein starkes Hoch, das uns veranlasst, den Kurs auf südlichere Breiten anzulegen, "direkt Kurs auf die Kerguelen", die auf 49° Süd liegen.

Da wir unser Ziel voraussichtlich am Samstag dem 27. Dezember erreichen, werden die sich dort Aufhaltenden, ohne uns Weihnachten feiern müssen.(Im Sommer sind es etwa 200 Personen vorwiegend Forscher und Ornitologen, die sich mit dem Beobachten der vielfältigen arktischen Tierwelt der unter Naturschutz stehenden Insel beschäftigen.)



Weihnachten 24. Dez. 2003


45°50 S / 63°10 E


Noch drei Tage trennen uns vom Ziel, den Kerguelen.

Deren Inselgruppe nebst der grossen Landmasse aus etwa 300 kleinen Inseln und grossen Felsen besteht. Deren Gesamtfläche ist 7215 Km2

Die Länge von Norden nach Süden misst 195 Km und von West nach Ost 145 Km


Wie gewohnt sucht sich der Rumpf der BLUE PEARL in "meist" ausgewogener Harmonie den Kurs durch die schroffe weissgekrönte Wasserwelt.

Die Eindrücke dieser endlosen Weiten verändern sich hier oft augenblicklich.

Zurzeit erleben wir wolkenlosen Himmel, in leicht dunstigem blau, der sich am Horizont zu leichter Bewölkung verdichtet.

Die See reflektiert in freundlichem blau. Unzählige weisse Wellenkämme prägen das Bild. ..... Noch vor Minuten erlebten wir eine geschlossene Wolkendecke mit leichtem Regen.

Die See präsentierte sich in stählernem Grau in dem sich die brechenden weissen Kronen bedrohend auf den Wellenkämmen aufbäumten.

Die Gefühle bleiben von diesen Eindrücken nicht ganz unberührt. So sind unsere wirklichen Hochs von gutem Wetter abhängig.


Bei zunehmend dreistem Wetter nimmt auch die Spannung zu, und erst wenn die Segelfläche mit dem letzte Reff verkleinert ist, und die Sturmböen uns und die BLUE PEARL beuteln, beginnen wir unsere Gedanken abzuwenden, um die folgenden Stunden in einer gewissen Trägheit, die nicht alle Details in uns eindringen lässt, zu verbringen.

Die Tiefs im südlichen indischen Ocean sind in dieser Jahreszeit mit Werten von ca. 980 Hectopascal jedoch nicht besonders kräftig.


Im Vergleich zu dem Tief über den Falklands, dessen Zentrum mit 954 Hectropascal wir Anfang Jahr in einem Nordweststurm enterten, erleben wir die derzeitigen Tiefstwerte und deren Fronten als unangenehm, jedoch tragbar, da die meisten nur wenige Stunden anhalten.

Einzig die Albatrosse lassen sich von diesem Geschehen nicht beeinflussen.

Wie Hightechsegler gleiten sie mit ihren riesigen Flügelspannweiten bei Tag und Nacht,

Sturm und Sonnenschein über die Wellenkämme.


Die kleineren etwas schwerer wirkenden schwarzen Sturmvögel stehen ihnen um nichts nach.

Seit kurzem haben sich weissgraue Seeschwalben zu ihnen gesellt, die in ihrer flinken Eleganz stark an unsere Hausschwalben erinnern.

So erleben wir Weihnachten im ewigen Rhythmus des südlichen indischen Ocean.

Einzig eine Lavendelkerze die auf dem krängenden Tisch leicht flackernd ein unsicheres Dasein führt, lässt spüren, dass nicht alle Tage Weihnacht ist.



Kerguelen "Disaster" 26. Dez. 2003


Wir hatten das Nordwestkap der Kerguelen angepeilt, um nicht letztendlich von ungünstigen Winden an unserem Ziel vorbeigetrieben zu werden...

Um 18 Uhr sichteten wir mit der "Il. du Rendez-Vous", einem 84 Meter hohen Felsen die erste Landmasse der Kerguelen.


Auf dem Radar ist in 6 bis 8 Meilen Entfernung weitere Landmasse auszumachen.

Im dichten Dunst und leichtem Nieselregen ist jedoch am düsteren Horizont nichts zu sehen.

Mit Kurs Ost und später Südost segelten wir mit 30 Knoten Wind und 7 Knoten Fahrt,

durch die Nacht in Richtung Cap Cotter.


Wie oft in Landnähe, und kurz vor dem Landfall verzichtet die Freiwache auf Schlaf und Koje,

da Segelmanöver auszuführen waren, und der Schlaf mit dem Erreichen des Ziels zur Genüge nachgeholt werden kann.


Ein Blick auf die Seiten des Logbuches bestätigen, dass die letzten drei Tage geschlossene Bewölkung, Dunst und Regenfronten vorherrschten.

Das Problem mit dem verunreinigten Diesel liess sich in diesen Tagen in einem nicht

erwarteten Ausmass erkennen.


Den Haupttank hatte ich nach dem Erreichen von Kapstadt leergepumpt, und Wasser und Schlamm entsorgt. Darauf füllte ich diesen mit einwandfreiem Treibstoff aus zwei Ersatztanks, und war mir sicher, damit das Problem das uns bereits seit Brasilien "Salvador" zu schaffen machte, gelöst zu haben.

Ein weiterer leerer Tank mit 250 Liter Fassungsvermögen füllten wir in Kapstadt unmittelbar vor dem Auslaufen in Richtung Kerguelen.


Aktuell hat sich im Haupttank neue Alge gebildet, und der einst klare hellrote Diesel, hat sich zu einem trüben unansehnlichen Gemisch verändert.

Als dessen Folge muss der Vorfilter mit Wasserabscheider stündlich gereinigt werden, damit sich der Filter nicht ganz durch diesen Schlamm verschliesst.


Aus dem zweiten Tank, dessen Diesel wir in Kapstadt gebunkert hatten, wird ausschliesslich Wasser angesogen, das sich auf dem Grund des Tankes in grosser Menge gesammelt haben muss, womit dieser Treibstoffvorrat ganz ausfällt.

Nachdem schon die Hauptleitung verstopft war, ist nun auch die Zuleitung zur Heizung nicht mehr frei, womit wir im ungeheizten innern mit Temperaturen von zum Teil unter zehn Grad vorlieb nehmen müssen.


Da die Luft nicht mehr getrocknet werden kann, und wir ständig neue Feuchtigkeit in das innere des Schiffes tragen, hat sich dieses zwischenzeitlich zur Tropfsteinhöhle gemausert, wo die Luken tropfen, und sich auf dem Boden im Bereich der unisolierten Bilge, Lachen bilden.

In wenigen Tagen haben sich die Gegebenheiten von sommerlichen Temperaturen in arktische Verhältnisse gewandelt.


Wasser und Lufttemperaturen werden zu dieser Jahreszeit mit + 6° angegeben.

Nach unserer Ankunft wollten wir diesem Missstand mit einer Dieselzufuhr aus Kanistern direkt zur Heizung "mit reinem Brennstoff" entgegenwirken

27. Dez. 2003


An Samstag morgen erreichten wir die Ostküste, wo wir uns mit guten Bedingungen in schneller Fahrt dem Ziel näherten.

Um vier Uhr kreuzten wir Pointe Suzanne, und waren unmittelbar vor der Einfahrt in

die "Baie du Morbihan".

Da wir 3 Knoten Strom in Richtung NO ausmachten, und 30 Knoten Wind aus West unsere Fahrt inzwischen unter Motor bis auf 1,5 Knoten reduzierte, waren wir gezwungen,

von unserem Vorhaben, die 15 Seemeilen tiefe Bucht zu entern abzulassen.


In der Folge liefen wir das Wetter das sich schnell zum Sturm entwickelt hatte in NNO Richtung, in der Gegenrichtung, in der wir gekommen waren, ab.

An der flachen Ostküste war kein Stelle die uns Schutz bieten konnte, auszumachen.


An Land hatte sich inzwischen ein Sandsturm entwickelt, der sich auf Distanz wie

gelber Dunst ausmachte, und dessen Fracht uns selbst auf der BLUE PEARL erreichte.

Wir durchquerten auf acht bis zehn Meter Wassertiefe unbehindert riesige Kelp- Felder,

die alle wie auch wir in Windrichtung trieben, und die den Schwell spürbar eindämmten.


Um halb acht Uhr nahm der Wind kurzfristig ab, und wir versuchten "ohne Erfolg" unter Motor die Landabdeckung zu erreichen.

In der Nacht segelten wir weiter mit 35 bis 40 Knoten Wind in Richtung Norden.



28. September 2003 18. Oktober 2003 04. November 2003 10. November 2003 10. Dezember 2003 13. Dezember 2003 20. Dezember 2003 24. Dezember 2003 26. Dezember 2003 27. Dezember 2003 28. Dezember 2003 29. Dezember 2003

Kapstadt 28. Sept. 2003

Kapstadt 18. Oktober 2003

Kapstadt 4. November 2003

Kapstadt 10. Nov. 2003


Indischer Ozean 10. Dezember 2003

Indischer Ozean 13. Dezember 2003

In den Weiten des süd-indischen Ozean

Weihnachten 24. Dez. 2003

Kerguelen "Disaster" 26. Dez. 2003

27. Dez. 2003

28. Dez. 2003

29. Dezember 2003

28. Dez. 2003


Am Sonntag war ein Zwischenhoch angesagt, ein Keil der sich zwischen zwei Tiefs drängte, und kurzfristig für Entspannung sorgte.

Eine Möglichkeit unser Ziel, das nun bereits 120 sm hinter uns im Süden liegt, vor dem nächsten Tief zu erreichen?

Falls nicht, würden wir uns dem folgenden Tief, das wie auf dem Wetterfaxbild zu sehen war, mit einem Tiefstwert von 956 Hectopascal auf die Kerguelen zuhielt ungeschützt stellen müssen.

Einem Bericht über die Kerguelen konnten wir entnehmen, dass jeden Monat im Jahr Stürme mit Windgeschwindigkeiten von über 100kmh auftreten können.

Entgegen unserer Meldung im letzten Bericht, wo ich die Tiefs als eher zahnlos beschrieb, bringen die uns folgenden Wetterverhältnisse diese Möglichkeit mit sich, was uns bewog, unseren Kurs beizubehalten, und die etwa 500 sm vor uns im Norden liegende Insel St. Paul anzulaufen.

Wir hatten den Umweg von über 800 sm zu den Kerguelen auf uns genommen, und wurden an deren Pforte abgewiesen...


29. Dezember 2003



Die Wetterbilder am Montag zeigten, dass sich das Hoch stabilisiert, und das folgende Tief sich entgegen der langfristigen Prognosen in seinem Kern geteilt und aufgefüllt hatte.

Eine Rückkehr am Sonntag, und die sichere Ankunft am Montag wären möglich gewesen.

Dennoch freuen uns, dass wir uns den Breiten nähern, wo die Hochs ihren spürbaren Einfluss zur Geltung bringen, die Luken geöffnet, und die BLUE PEARL getrocknet werden kann........


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